Die SPD nach der Hessen-Wahl Ruhe an der Links-Front

Müntefering spricht Schäfer-Gümbel von jeder Schuld frei. Für den SPD-Chef hat die herbe Niederlage auch etwas Gutes. Die Linkspartei darf jetzt wieder echter Gegner sein.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Im Atrium versammeln sich die Mitarbeiter des Willy-Brandt-Hauses, während auf den Stühlen vor der Bühne die Presse Platz nimmt. Gleich kommen Parteichef Franz Müntefering und der hessische Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel. Sie sind da, um die größte Niederlage der Hessen-SPD in ihrer Geschichte zu erklären.

Aber erst mal spenden die Mitarbeiter warmen Applaus, als die beiden das Podium betreten. Nicht ganz klar, ob es dazu der Aufforderung von ganz oben bedurfte oder ob die Mitarbeiter dafür freiwillig ihre Büros verlassen haben. Jedenfalls gibt der Beifall Thorsten Schäfer-Gümbel die Gelegenheit, sich für den freundlichen Empfang zu bedanken. Das war wohl Sinn der Sache.

Im Atrium hängen bis zur Glasdecke Plakate, weiße Schrift auf rotem Grund. "Partei-Sozi" steht auf dem einen, "Analyse-Sozi" auf einem anderen. Der "Kampagnen-Sozi" fehlt nicht, ebensowenig der "Spitzen-Sozi". Nachdem die Kampagnen-Sozis zur Hessen-Wahl nicht geliefert haben, ist heute der Tag der Analyse-Sozis.

Oberster Analyse-Sozi an diesem Montag ist Spitzen-Sozi Franz-Müntefering. Seine Botschaft: Der Schäfer-Gümbel kann nichts dafür. Er habe in den 72 Wahlkampftagen - 71, berichtigt Schäfer-Gümbel später -, "herausgerissen, was herauszuholen war". Ihm gehöre die Zukunft. Und das Hessen-Ergebnis, das ist ein Hessen-Ergebnis. Mehr nicht. Analyse fertig.

Eben eine "Denkzettel-Wahl", wie Müntefering sagt. Da hätten nicht "Überzeugungstäter" ihre Stimmen anderen gegeben. Es seien viele einfach "sauer" gewesen über das politische Verhalten der SPD in Hessen. Ein singuläres Ereignis, aber "reparabel", findet der SPD-Chef. Weil die Gründe für den Denkzettel wieder ausgebügelt werden könnten.

Schäfer-Gümbel liefert dazu die Zahlen der Wählerwanderungen. Laut ARD hat die SPD 120.000 Wähler an die Grünen verloren und knapp 200.000 an die Nichtwähler. Die politischen Kräfteverhältnisse hätten sich also "nicht wirklich verändert", resümiert SPD-Chef Müntefering. Es gebe "keine späte Sehnsucht nach Koch". Aber eben im Moment auch keine nach der SPD.

Schäfer-Gümbels Job ist es jetzt, aus der historischen Niederlage irgendwie den Schwung für einen Neunanfang herauszudestillieren. So wie aus manch übelriechender Pflanze die Grundstoffe für ein Parfum geholt werden.

Der "Denkzettel ist angekommen", sagt Schäfer-Gümbel. Ypsilanti habe die politische Verantwortung übernommen. Der Vertrauensverlust, den seine Partei erlitten habe, "tut mit persönlich leid". Aber: Das "Ypsilanti-Bashing" müsse jetzt ein Ende haben. "Ich bin zuversichtlich, dass sich bereits mit der Europa- und der Bundestagswahl die wahren Verhältnisse in Hessen widerspiegeln." Mit einer dann deutlich erholten SPD. "Unser Ziel ist klar: Regierungsverantwortung 2014."

Trends und ihre Bedeutungen

Da stirbt wohl die Hoffnung zuletzt. Aber in der Parteizentrale wird jetzt alles getan, um den Eindruck des Trends zu vermeiden, an dessen Ende eine schwarz-gelbe Mehrheit im Bund stehen würde.

Nach der Hessen-Wahl hat Müntefering dafür zumindest wieder die Fäden in der Hand. Klar ist: Dort sind die Verhältnisse jetzt klar. Und in der Bundesversammlung im Mai wird es keine Bundespräsidentin Gesine Schwan geben, die sich dafür von der Linkspartei hätte mitwählen lassen müssen. Das nimmt weiteren Debatten um das Verhältnis der SPD zur Linkspartei zumindest etwas Wind aus den Segeln.

Daran ändert auch nichts, dass Gesine Schwan an ihrer Kandidatur festhält - entgegen der Gedankenspiele, die sich an Tag eins nach der Hessen-Wahl entwickelten. Die Landtagswahl habe ihre Position zwar nicht erleichtert, so Schwan, "aber sie hat sie auch nicht so erschwert, dass es unmöglich wäre weiterzumachen".

Und gut, dass die CDU nicht spürbar hinzugewonnen habe. Die Spin-Doktoren der SPD lasten das mit Genuss der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel an. Denn was für die SPD auf keinen Fall gilt, soll für die Union unbedingt zutreffen: Hier mache sich ein Bundestrend fest, weil Merkel der Partei keine Orientierung gebe.

Parteichef Müntefering wird in den kommenden Wochen und Monaten versuchen, die relative Ruhe zu nutzen, um geordnet in den Wahlkampf ziehen zu können. Wichtige Vorbereitung ist eine breitangelegte Programmdebatte, die auf einem Bundesparteitag im Juni abgeschlossen werden soll.

Bis zur Bundestagswahl sind es von diesem Montag an noch 241 Tage. Also mehr als dreimal so viele, wie Thorsten Schäfer-Gümbel zu Beginn seines Wahlkampfes hatte. Müntefering wird beweisen müssen, dass mehr Zeit auch mehr Stimmen für die SPD bedeuten.

"Der Spuk ist vorbei"

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