Ein Kommentar von W. Koydl

Zaudernd, hochmutig, krankhaft ehrgeizig: Gordon Brown ist eine tragische Figur im Sinne Shakespeares. Doch der Untergang seiner Regierung ist nicht nur seine persönliche Tragödie.

Tragödien mögen zwar auf gleiche Weise enden, aber ihre Ursprünge sind verschieden. In der griechischen Tragödie ist es das blinde Schicksal, die zufällige Verkettung der Umstände, die den Menschen vernichtet. Letztlich ist er hilflos, durch keine Handlung hätte er sein Los abwenden können. Beklemmender sind die Tragödien Shakespeares: Ob Othello, Macbeth, Lear oder Hamlet - immer ist es der Mensch, der durch sein Handeln die Tragödie auf sich herabbeschwört.

(© Foto: AP)

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Gordon Brown ist eindeutig eine tragische Figur im Sinne Shakespeares: Sein lähmendes Zaudern, sein krankhafter Ehrgeiz, sein ungezähmter Hochmut - diese Charakterzüge waren es, die zu seinem fürchterlichen Absturz führten, und nicht so sehr Umstände, die außerhalb seiner Kontrolle lagen. Im Gegenteil: Das Schicksal in Gestalt der Weltwirtschaftskrise schien ihm kurzfristig sogar die Chance zu geben, als zupackender, visionärer Staatsmann zu reüssieren. Doch er nutzte diese Chance nicht.

Egal, wie lange es dem britischen Premierminister noch gelingen wird, sich an der Macht festzuklammern - bis zum nächsten Wochenende oder bis zur Unterhauswahl im nächsten Jahr - es ist längst nicht mehr alleine seine persönliche Tragödie, die sich vor den Augen der fassungslosen britischen und europäischen Öffentlichkeit abspielt. Längst ist es die Tragödie der traditionsreichen Labour Party geworden. Nichts Geringeres steht auf dem Spiel als ihre Existenz als ernstzunehmende politische Kraft. Labour droht der Untergang.

Sozialdemokratische Parteien auf dem europäischen Kontinent täten gut daran, das Beispiel der Genossen auf der Insel zu studieren. Denn die Fehler, die dazu geführt haben, dass die Partei politisch und moralisch verkümmerte, wurden auch anderswo kopiert. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Britannien als eine Art Labor für den Rest der Welt fungiert hätte. Das war der Fall, als Tony Blair seine Partei mit einer Mischung aus machiavellistischen Ränken und brachialer Gewalt in die politische Mitte zwang. Die Wende hin zu Markt, Managern und Moneten fand bereitwillige Nachahmer, nicht zuletzt in Deutschland, und bescherte Labour einen Wahltriumph nach dem anderen.

Geliebt hat die Partei Blair dafür freilich nie. Sie akzeptierte ihn, sie duldete ihn, weil er ihr die Macht verschaffte. Insgeheim aber warf sie ihm vor, Labour die Identität geraubt, ja die Seele den Teufeln Mammon und Konsum verkauft zu haben. Von Brown erhoffte die Partei sich eine Rückkehr zu alten Werten und Traditionen. Deshalb war seine Wahl eher eine Krönung als ein Wettbewerb. In der Hektik, sich von Blair zu befreien, übersah Labour die offenkundigen politischen und vor allem menschlichen Schwächen des mutmaßlichen Retters.

Brown hat enttäuscht - die Partei ebenso wie die Bürger, und Labour befindet sich in der Lage eines Schiffbrüchigen, der einen sicheren Hafen, Blair, gegen ein vermeintlich seetüchtiges Schiff, Brown, eingetauscht hat. Nun, da dieses gesunken ist, treibt er auf einem Floß ziellos umher. Niemand weiß, wofür die Partei steht. Blairs Modell hat sich angesichts der ökonomischen Krise überholt, aber auch die linke Alternative nehmen ihr die Wähler nicht mehr ab. Eine Alternative steht schon bereit: Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts verdrängte Labour die liberale Partei als zweite Kraft. Nun rüsten sich die Liberaldemokraten, Labour dasselbe Schicksal zuzufügen.

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(SZ vom 06.06.2009)