Mit Attacken auf die Große Koalition und insbesondere die SPD stimmen sich Linkspartei und WASG auf ihren Gründungs-Parteitag ein.

Seit Freitag gibt es in Deutschland eine neue Partei. Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg teilte mit, es habe die Partei ,,Die Linke'' ins Vereinsregister eingetragen. Damit gilt der Zusammenschluss von Linkspartei.PDS und Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) als vollzogen.

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Kandidieren am Samstag für den Vorsitz der Linken: Oskar Lafontaine und Lothar Bisky (© Foto: ddp)

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In Deutschland sind alle Parteien formal als Verein organisiert. An diesem Samstag kommen die Delegierten der neuen deutschen Linken zum Gründungsparteitag zusammen. Im Mittelpunkt steht die Wahl des ersten Vorstandes.

Auf den jeweils letzten separaten Bundesparteitagen von WASG und Linkspartei.PDS am Freitag wurden für die Ämter der beiden gleichberechtigten Bundesvorsitzenden der WASG-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Oskar Lafontaine, und Linkspartei-Chef Lothar Bisky nominiert. Lafontaine erhielt 93,8 Prozent der Delegiertenstimmen, Bisky kam auf 86,2 Prozent.

Bisky wirft Koalition "unsoziale Abrisspolitik" vor

Die Mitglieder der beiden Gruppierungen nominierten auch vier Kandidaten für die Stellvertreter-Posten im Vorstand der neuen Partei, die ebenfalls an diesem Samstag auf dem Vereinigungsparteitag gewählt werden sollen. Für die Linkspartei.PDS wurden Katja Kipping (77 Prozent) und Katina Schubert (67,8) aufgestellt, die WASG einigte sich auf Klaus Ernst (74,7) und Ulrike Zerhau (61,9). Bundesgeschäftsführer soll Dietmar Bartsch werden, der dieses Amt bisher bei der Linkspartei.PDS innehatte.

In seiner Abschiedsrede als Vorsitzender der Linkspartei stimmte Bisky die 398 Delegierten mit Attacken gegen die Große Koalition und Vorwürfen an die SPD auf die Zusammenarbeit ein. Nachdrücklich bekannte sich Bisky zum demokratischen Sozialismus und nannte das Streiten für soziale Gerechtigkeit als ein Hauptziel der neuen Partei links von der SPD. ,,Wir sind gekommen, um zu bleiben'', rief er. Union und SPD warf er eine unsoziale ,,Abrisspolitik'' vor und lehnte die Reformpläne für die Pflegeversicherung ebenso ab wie Auslandseinsätze der Bundeswehr.

Die neue Partei stelle die Systemfrage, sagte er. Auch die SPD halte theoretisch am demokratischen Sozialismus fest, habe sich aber in der Großen Koalition weit von ihrer Programmatik entfernt. ,,Unglaubwürdiger als zur Zeit war sie für mich nie'', rief Bisky unter Beifall. Sein Ziel sei es nicht, die SPD zu schwächen, sondern für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen.

WASG will in Linker "kritisch, unbequem und konsequent" sein

Zum Abschied ermahnte Bisky seine als SED-Nach-Nachfolgerin im Osten verwurzelte Partei, sich auch künftig der Probleme der Ostdeutschen anzunehmen. Klaus Ernst wiederum, Mitgründer der wesentlich kleineren, im Westen aus Gewerkschaftern und enttäuschten Sozialdemokraten entstandenen WASG, rief seine Parteifreunde auf, die eigenen Ziele offensiv zu vertreten.

Er kündigte an, der WASG-Teil werde ,,kritisch, unbequem und konsequent'' sein. ,,Und wir sind der spannendere Teil der neuen Linken'', fügte er unter Beifall der Delegierten hinzu. Er erinnerte daran, dass die WASG nicht nur den guten Kontakt zu den Gewerkschaften einbringe, sondern auch den Zugang zu den alten Ländern: ,,Ohne uns wäre die Linkspartei eine Regionalpartei.''

Lafontaine kündigte eine Politik der demokratischen Erneuerung an. Derzeit sei die Demokratie ,,in Frage gestellt''. Die Interessen der Mehrheit würden in der Gesundheits-, Reanten-, Steuer- und Außenpolitik nicht mehr vertreten.

Bisky nannte es als Ziel der neuen Partei, nach dem Erfolg in Bremen nächstes Jahr auch in die Landtage von Hessen, Niedersachsen, Hamburg und Bayern einzuziehen. Meinungsforschern zufolge käme die Linke derzeit bundesweit auf neun Prozent der Wählerstimmen, etwas mehr als bei der Bundestagswahl, wo sie 8,7 Prozent erreicht hatte. Seit Ende 2005 stellen Linkspartei und WASG eine gemeinsame Bundestagsfraktion.

Vor Beginn der beiden Parteitage hatten sich WASG und Linkspartei noch einen heftigen Schlagabtausch geliefert. Ernst beklagte sich in einem offenen Brief an Bisky über die angeblich zu hohe Zahl an Mandatsträgern auf der Kandidatenliste der Linkspartei für den Vorstand der neuen Linken.

In dem Gremium sollen jeweils 22 Vertreter von Linkspartei und WASG sitzen, unter ihnen dürfen laut Satzung höchsten 50 Prozent Mandatsträger sein. Auf der Vorschlagsliste der Linkspartei standen jedoch 16 Mandatsträger. Ernst schrieb, er halte dies für ,,in keinster Weise tragbar''.

Im Juni 2006 hatten die Spitzen von Linkspartei und WASG ihr ,,Manifest zur Gründung einer neuen Linken'' vorgelegt. Harsche Kritik am Zusammenschluss kam von WASG-Vorstandsmitglied Lucy Redler, die als eine der konsequentesten Fusionsgegner gilt. Sie warf ihrer Partei vor, heimlich auf eine Regierungsbeteiligung zu schielen.

Daher sei eine ,,antikapitalistische Opposition'' außerhalb der bestehenden Organisationen nötig. Auch Christine Buchholz, Mitglied im geschäftsführenden Bundesvorstand der WASG, mahnte, die neue Linke dürfe ,,ihre Positionen nicht auf dem Altar der Regierungsbeteiligung opfern''. Bundesgeschäftsführer Bartsch betonte hingegen: ,,Wir müssen auch regieren wollen, und wir müssen regieren können.''

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(SZ vom 16.6.2007)