Die Linke: Antisemitismus-Streit Der Boss ist genervt

Der Antisemitismus-Streit zeigt: In Wahrheit regieren Feindschaft und Misstrauen die Linke. Fraktionschef Gysi muss über sich lesen, ihm gehe "der Arsch auf Grundeis". Jemand Besseren als ihn hat die Partei aber nicht - nur er hält sie noch zusammen.

Von Daniel Brössler

Der Abgeordnete Andrej Hunko sah sich kürzlich zur Klarstellung einer Phrase veranlasst. Auf seiner Internetseite legte das Mitglied der Linksfraktion im Bundestag dar, beim Begriff "jemandem geht der Arsch auf Grundeis" handle es sich um ein umgangssprachliches Bild aus dem 18. Jahrhundert. Es drücke aus, dass jemand Angst bekomme oder starke Bedenken habe. "Es hat darüber hinaus keinen despektierlichen Charakter", schrieb Hunko.

Fraktionschef Gregor Gysi kann demnach aufatmen, war doch ein Facebook-Eintrag Hunkos, wonach ihm, Gysi, der "Arsch auf Grundeis" gehe, nicht weiter despektierlich gemeint. Hunko hatte in einer Internet-Plauderei ja ohnehin nur die Redewendung eines Anhängers aufgegriffen und, wenn man ihn nun richtig versteht, ausdrücken wollen, dass Gysi starke Bedenken hege "wegen des rechten Flügels, der offen mit Spaltung der Partei droht". Innenansichten wie diese legen den Blick frei auf eine Fraktion, die Gysi führen soll, die in Wahrheit aber regiert wird von Feindschaft und Misstrauen.

Besonders deutlich geworden ist das im Antisemitismus-Streit. Anfang Juni sah sich Gysi veranlasst, ein Machtwort zu sprechen. Gegen enthemmte Israel-Kritik setzte er einen Fraktionsbeschluss durch, der zwar einstimmig gefasst wurde - aber erst, nachdem einige Abgeordnete vom linken Rand, unter ihnen Hunko, den Saal verlassen hatten. Sie geißelten im Anschluss den "Maulkorb-Erlass" und behaupteten, Gysi sei dem Druck des rechten Flügels erlegen. Den Fraktionschef, der selbst jüdische Wurzeln hat, dürfte solche Kritik treffen.

Seit bald zwei Jahren führt Gysi die Fraktion allein, weil sich Oskar Lafontaine nach der Bundestagswahl krankheitsbedingt nach Saarbrücken verabschiedet hatte. Die Bilanz seitdem ist deprimierend. Wiewohl numerisch stärker als die Grünen, werden die Linken in der Hauptstadt kaum wahrgenommen. Die Parteichefs Gesine Lötzsch und Klaus Ernst gelten als schwach, doch auch Gysi ist mehr damit beschäftigt, seine Leute zusammenzuhalten als Themen zu setzen. Der Boss sei genervt, ist immer öfter in der Fraktion zu hören.

Jedes leise Gerücht aber, dass der 63-Jährige hinschmeißen könnte, lässt die Linken erschauern. Aus einem einfachen Grund: Gysi mag es schwerfallen, die zersplitterte Fraktion zusammenzuhalten. Jeder andere aber würde daran scheitern. Der Vize-Fraktionschef und frühere Partei-Geschäftsführer Dietmar Bartsch verfügt zwar über erheblichen Einfluss auf die Ostler, ist aber eine Reizfigur für viele West-Linke.

Der Versuch, einen Nachfolger für Gysi zu finden, würde derzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Spaltung führen. Noch vor der Sommerpause soll über eine Reform der Fraktionsführung entschieden werden. Geplant war eigentlich, Gysi eine weibliche Ko-Vorsitzende zur Seite zu stellen. Eine Konsenskandidatin aber ist bisher nicht in Sicht. Am leichtesten kann sich die Fraktion eben immer noch auf den Status quo verständigen, und der lautet: Gregor Gysi bleibt an der Spitze. Ganz allein.