Von Stefan Kornelius

McCain verliert an Boden, weil ihn Parteifreunde düpieren und er der Finanzkrise planlos begegnet.

Dynamik ist fast alles im amerikanischen Wahlkampf, ganz besonders wenn es wieder einmal knapp wird zwischen den beiden Kandidaten. Von "momentum" sprechen sie dann in den USA, von der Gunst der öffentlichen Meinung, vom Trend, den Themen und Ereignisse auslösen.

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John McCain macht derzeit keine keine gute Figur. (© Foto: AP)

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Diese Dynamik hat sich gedreht in den letzten Tagen, den spannendsten dieser Wahlsaison. Vielleicht könnte man im Rückblick den vergangenen Donnerstag und den Freitag als den Wendepunkt in der Kampagne ansehen, wenn die verbleibenden fünf Wochen bis zum Wahltag nicht noch so viele Gelegenheiten böten für neue Volten.

Wirklich messbar ist die Wende noch nicht, aber John McCain, der Kandidat der Republikaner, hat einen großen Fehler begangen: Er hat sich gemein gemacht mit dem politischen Personal im Washingtoner Tagesgeschäft. Plötzlich war er gar nicht mehr so präsidentiell, wie er nun eigentlich wirken müsste.

Wütender McCain, braver Obama

McCain war einer von vielen, nur der Senator McCain eben, spätestens als er am Donnerstag seinen Wahlkampf in einer pseudodramatischen Geste "unterbrach", um in Washington das Land vor der Finanzkrise zu retten. Senator McCain aber rettete nicht, er wurde vorgeführt - von seiner eigenen Partei.

Ausgerechnet am Tag der Präsidentschaftsdebatte wurde der Nation gezeigt, dass die Republikaner ihre ideologischen Kämpfe auch auf Kosten des Präsidentschaftskandidaten weiterführen. Nicht John McCain war die wichtigste Person bei den Krisengesprächen im Kongress, es war der Abgeordnete John Boehner, der Anführer der republikanischen Minderheit und Wortführer der Fiskalideologen. McCain blieb ein stummer Zuhörer.

Mit viel Wut im Bauch fuhr McCain dann zum Kandidatenduell nach Mississippi, wo er einem oft zu braven Barack Obama zeigte, dass er den Drang zur Dominanz in seinen politischen Genen trägt. Nach einem langen, intensiven Politwochenende aber blieb eine andere Botschaft haften: McCain ist sprunghaft, er hat keinen Plan, und keiner hört auf ihn. Der nach Washington geeilte Retter wurde gar nicht gebraucht. Wieso sollte die Nation ihn also wählen?

Barack Obama hat zwar ebenfalls keinen Rettungsplan, aber er verfügt über das bessere Gespür. Das Rettungsgeschäft mit all dem Gefeilsche überließ er dem demokratischen Führungspersonal im Kongress, das dem geradezu apathischen, abwesend wirkenden Präsidenten, dessen Finanzminister und der republikanischen Minderheit kühl demonstrierte, dass die Macht in Washington zurückgewandert ist auf den Parlamentshügel.

Der Kandidat aber eilte hinaus in den Wahlkampf und umschmeichelte die vom Finanzkollaps am stärksten getroffene Mittelschicht. Hier sitzen sie, die Wechselwähler, im Kern eher konservativ, von einem McCain durchaus zu begeistern, nicht aber von den republikanischen Hardlinern.

Planloses Umherirren

John McCain hat nach seinem Parteitag die frische Aufmerksamkeit genossen, die ihm auch seine Stellvertreterwahl bescherte. Nun aber legt sich diese Aufregung. Wenn überhaupt, dann produziert Sarah Palin schlechte Nachrichten.

Der Wahlzirkus hat sein neues, vermutlich entscheidendes Thema gefunden: die Finanzkrise und den Niedergang der amerikanischen Volkswirtschaft. Die Wähler werden beim genauen Studium des Rettungspakets feststellen, dass wichtige Entscheidungen bei der Vergabe und der Kontrolle der 700 Milliarden Dollar dem nächsten Präsidenten aufgebürdet werden - eine kluger, fairer Zug der jetzt agierenden Krisenmanager.

Die Chancen steigen, dass Obama dieser Präsident sein könnte. Denn John McCain, der an den zwei wichtigsten Verhandlungstagen planlos in Washington umherirrte, ist nun für alle sichtbar zur Geisel jener ideologischen Gruppierung in der amerikanischen Politik geworden, von der die Wähler wirklich genug haben sollten.

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(SZ vom 29.09.2008/gal)