Die Grünen Vom Bürgerschreck zur Regierungspartei

Aus einem Haufen von Umweltschützern, Atomkraftgegnern und Friedensbewegten ist eine Partei geworden, die trotz erheblicher Bedenken für Militäreinsätze im Ausland gestimmt hat.

Zwar bestreitet die Parteispitze, dass die Bundesdelegiertenkonferenz am Wochenende zur Zerreißprobe werden wird. Aber es wird sicher einige Pazifisten geben, die erhebliche Kritik daran äußern werden, dass fast die komplette Grünen-Fraktion für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan gestimmt hat.

Bei der Gründung der Grünen 1980 spielten die Friedensbewegten neben Umweltschützern und Atomkraftgegnern noch die Hauptrolle. Gerade der Nato-Doppelbeschluss von 1979, der die Stationierung von US-Raketen in Deutschland vorsah, hatte dazu geführt, dass einige aus der SPD eintraten und bei den pazifistischen Grünen ihre neue politische Heimat fanden.

Nach ihrer Gründung ging es für die Grünen relativ schnell bergauf: 1983 der Einzug in den Bundestag, 1985 in Hessen die erste Beteiligung an einer Landesregierung. 1998 sind die Grünen als Koalitionspartner der SPD schließlich in der Bundesregierung angekommen.

Wegen der großen Bandbreite der Partei gab es von Anfang an innere Spannungen. Der Wandel vom "Bürgerschreck" zur Regierungspartei war von massiven Auseinandersetzungen zwischen Fundamentalisten ("Fundis") und Realpolitikern ("Realos") begleitet.

Zwang zu Kompromissen ist der Grünen-Basis zur schwer zu vemitteln

Es kam zu Abspaltungen radikalökologischer, fundamentalistischer und sozialistischer Gruppen. Einst führende Köpfe der grünen Bewegung wie Jutta Ditfurth verließen die Partei. Die Entwicklung hin zur Mitte wurde 1993 beschleunigt durch den Zusammenschluss der West-Grünen mit den im "Bündnis 90" vereinten DDR-Bürgerrechtsbewegungen.

Dennoch gibt es bis heute im Spannungsfeld von Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik, beim Atom-Ausstieg und vor allem bei Militär-Einsätzen interne Auseinandersetzungen.

Prominente Vertreter der Linken sind Parteichefin Claudia Roth und Umweltminister Jürgen Trittin. Führende Repräsentanten der "Realos" sind Co-Parteichef Fritz Kuhn und vor allem der weit über die Partei hinaus renommierte Außenminister Joschka Fischer.

Öffentlich ausgetragene Flügelkämpfe, unpopuläre Parteitags-Forderungen und der Zwang zu Kompromissen als Regierungspartner führten in jüngster Zeit zu teilweise massiven Stimmenverlusten: Seit 1998 haben die Grünen bei der Bundestagswahl und bei 17 Landtagswahlen in Folge Stimmen verloren.

Die Misere begann im Frühjahr 1998, als der Parteitag beschloss, dass der Liter Benzin langfristig 5 Mark kosten solle. Für Aufsehen sorgte auch der Parteitag vom März 2001, als die Partei die Trennung von Amt und Mandat für grüne Minister beschloss. Wenn ein grüner Abgeordneter in eine Regierung eintritt, soll er sein Parlamentsmandat niederlegen. Gelten soll dieser Beschluss ab der kommenden Bundestagswahl, bei der sich zeigen wird, ob die Grünen den dritten Platz im deutschen Parteienspektrum behaupten können.

(sueddeutsche.de/dpa)