Von Berit Uhlmann

Die Grünen wollen die Deutschen gegen ein Aufweichen des Atomausstiegs mobilisieren. Wahlforscher sind skeptisch, ob ihnen dies nützt.

Die einen setzen bereits offen darauf, die anderen zweifeln noch - doch das Thema Atomkraft ist aus dem Wahlkampf wohl nicht mehr herauszuhalten. Die Grünen verleihen der Debatte nun besonderen Nachdruck: Sie wollen eine breite Kampagne gegen die Kernkraft starten, die die Menschen wieder auf die Straßen bringen könnte.

Atomkraftgegner

Dem Anti-Atom-Kampf scheint die Luft ausgegangen zu sein. Die Grünen wollen dies ändern. (© Foto: dpa)

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Zehntausende Demonstranten an den Fersen der grünen Atomkraftgegner, wie in den 70er und 80er Jahren - dies gäbe sicherlich ein einprägsames Bild ab und wäre in Wahlkampfzeiten hochwillkommen. Doch ob die Partei tatsächlich die Massen mobilisieren kann, ist fraglich.

Auch Fraktionschefin Renate Künast, die die Kampagne am Freitag verkündete, nennt an erster Stelle nicht die Straßen, sondern "moderne" Wege als Mittel für den Protest, namentlich das Internet, Zeitungsannoncen und politische Debatten. Damit will sie Bürger aufklären, dass es in Deutschland keine "Renaissance der Atomenergie, sondern eine Renaissance der Profitgier" gebe. Der Gang auf die Straße bleibt demnach zunächst noch im Stadium des "Erwägens".

Wohlweislich, möchte man sagen. Denn Deutschland erlebt angesichts hoher Ölpreise ein Umdenken in Sachen Kernkraft. Erst am Freitag ergab das jüngste ZDF-Politbarometer, dass 54 Prozent der Deutschen die Meiler länger am Netz lassen wollen, als unter Rot-Grün beschlossen. Lediglich 40 Prozent wollen laut Umfrage am Ausstiegszeitplan festhalten. Noch vor einem halben Jahr war das Verhältnis umgekehrt: Damals unterstützten nur 40 Prozent eine Verlängerung der Laufzeiten, 53 Prozent waren dagegen.

Vorbehalte gegen Kernkraft schwinden

"Die Dämonisierung der Atomkraft ist vorbei", sagt denn auch Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Nach Ansicht der meisten Menschen sei die Energieversorgung nicht mehr gewährleistet, damit würden die Vorbehalte gegen die Atomenergie schwinden, erläutert Güllner auf Anfrage von sueddeutsche.de. Eine Mobilisierung der Massen gegen die Kernenergie, wie vor 30 Jahren, sei vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich. Seiner Einschätzung nach erreichen die Grünen mit dem Thema Atomkraft kaum mehr als ihre Stammwähler.

Matthias Jung, Leiter der Forschungsgruppe Wahlen, sieht dagegen eine Chance für die Ökopartei, Wähler im "rot-grünen Zwischenbereich zu gewinnen, da auf diesem Gebiet die Grünen die authentischeren Vertreter sind als die SPD". Gegenüber sueddeutsche.de fügte er hinzu: "Gefahren erwachsen für die Grünen allerdings bei diesem Thema, wenn die politische Linie und das äußere Erscheinungsbild zu fundamentalistisch werden. Dies kann ihnen den Zugang zu Wählerschichten in der politischen Mitte erschweren."

Der Chef des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid, Klaus-Peter Schöppner, glaubt nicht, dass die Grünen mit dem Thema Kernkraft neue Wähler gewinnen können und gibt zu Bedenken: Wenn die Grünen jetzt einen massiven Feldzug gegen die Atomkraft beginnen, setzen sie eine "große Hürde" für mögliche spätere Koalitionsverhandlungen. Ein Jamaika-Bündnis zum Beispiel wäre dann nur noch sehr schwer möglich.

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(sueddeutsche.de/beu/ihe)