Die CSU kommt nicht zur Ruhe. Nun wird spekuliert, dass der Parteichef wegen des Konflikts Seehofer/Huber doch im Amt bleibt

Es war, als ob nie etwas gewesen wäre. Keine Marathondebatten in Kreuth, keine Rücktrittsankündigung. Am Dienstagabend, beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Vereinigung der Parlamentsjournalisten, schlendert ein sichtlich entspannter Edmund Stoiber von Tisch zu Tisch.

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In wechselnden Zirkeln doziert er über seine Sicht der politischen Lage, und dabei schimmert seine Rolle immer wieder durch - wie das zum Beispiel gelaufen ist bei der Gesundheitsreform, als er in stundenlangen Verhandlungen den "Bayern-Bonus" durchgesetzt hat. Keiner außer ihm hätte das durchsetzen können, lässt Stoiber anklingen. Um sich dann sofort dem nächsten Gesprächspartner zuzuwenden, um ihm die Interessenlage des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu erläutern.

Wie einer, den seine Partei gezwungen hat, demnächst aufzuhören, wirkt Stoiber nicht an diesem Abend. Auch in der Sitzung des CSU-Vorstands am Vortag war keineswegs ein gebrochener Vorsitzender erschienen. Geschmeichelt genoss Stoiber den warmen Applaus der versammelten Königsmörder und machte dann unmissverständlich klar, dass er im weiteren Procedere eine aktive Rolle zu spielen gedenke.

"Täuscht euch nicht, ich bin noch nicht tot", soll er mehrmals gesagt haben. "Der tut alles, damit er weitermachen kann", sagt ein führendes Fraktionsmitglied. Ein anderes ergänzt: "Er will allen beweisen, dass die Entscheidung falsch war", die Entscheidung, ihn aus seinen Ämtern zu drängen.

Als Ministerpräsident ist seine Zeit vorbei, das ist klar. Aber wie sieht es mit dem Parteivorsitz aus? Das war immer der Posten, an dem Stoiber am meisten gelegen war. Um CSU-Chef bleiben zu können, hat er Top-Angebote ausgeschlagen: Bundespräsident hätte er werden können oder EU-Kommissionspräsident.

Klare Motivation

Und wenn er jetzt einfach noch eine Weile CSU-Chef bliebe, jetzt, da sich Erwin Huber und Horst Seehofer in ein monatelanges Duell zu verstricken drohen? "Das ist nicht auszuschließen", raunt ein CSU-Vorständler. Vielleicht ist das ja die einvernehmliche Lösung, von der seit Tagen alle reden. "Stoiber spekuliert darauf, dass sich die anderen verzocken", sagt ein CSU-Präside.

Die Motivation weiterzumachen, wäre klar. "Die Partei will eine Führungspersönlichkeit haben, die alle Ebenen - von der Kommunal- bis zur Europapolitik - integriert und die die Balance schafft zwischen Wirtschaft und sozialer Gerechtigkeit", das hat Stoiber vor vier Monaten in einem SZ-Interview gesagt und angefügt: "Diese Integrationskraft und Erfahrung ist mir in hohem Maße attestiert worden."

Ein klarer Hinweis: Die CSU mit all ihren Fliehkräften muss einer zusammenhalten. Und wer könnte das besser als er, Edmund Stoiber? Inzwischen steht da aber noch ein anderer Satz von ihm im Raum, vom vergangenen Donnerstag. Und der ist noch unmissverständlicher: "Ich werde auf dem CSU-Parteitag im September auch nicht mehr als CSU-Vorsitzender kandidieren."

Absurd. Unmöglich. Unvorstellbar. So bewerten deshalb manche CSU-Spitzenkräfte die Überlegung, Stoiber könne es sich vielleicht doch noch einmal anders überlegen und erneut kandidieren. So viel Charme eine solche neuerliche Radikalwende für die CSU aus bundespolitischer Sicht hätte, aus Sicht der Landtagsfraktion ist die Sache klar. Sie hat sich voll auf das Tandem aus Günther Beckstein und Erwin Huber als Regierungs- und Parteichef eingestellt.

Das wurde auch am Mittwoch deutlich, als sie sich zu ihrer ersten Sitzung nach Stoibers Rückzugsankündigung traf. Viele Abgeordnete sehen inzwischen sogar die Berliner Bundestagskollegen auf ihrer Seite. Dort mache, erzählt einer, das Bonmot die Runde: "Wer Seehofer näher kennt, wählt Huber."

Dagegen wisse Seehofer auch, dass die Zeit für ihn laufe, sagt ein Kabinettsmitglied. An der Basis ist er beliebter; je länger der Wahlkampf dauert, umso mehr Stimmen könnte er sammeln. Deswegen hoffen viele Fraktionsmitglieder auf eine rasche Einigung.

Munteres Spekulieren

Nicht jeder hält auch Stoibers Plan für glücklich, erst im September als Regierungschef abzutreten. Denn bis dahin wird es einen Ministerpräsidenten Beckstein im Wartestand geben, und noch viel mehr Abgeordnete, die um Kabinettsposten rangeln. Seit Kreuth ist die Stimmung in der Fraktion gelöst, so gelöst, dass die Abgeordneten in kleinerer Runde und bei ein paar Gläsern Wein und Bier schon das neue Kabinett Beckstein fertig stellen.

Fraktionsvize Markus Sackmann, der Wirtschaftssprecher Franz Pschierer, der Innenpolitiker Jakob Kreidl - allesamt quasi schon gesetzt. Die derzeitigen Staatssekretäre? Haben keine Zukunft, naja, vielleicht Innenstaatssekretär Georg Schmid noch. Mit den Ministern sind die Abgeordneten ein bisschen gnädiger: Außer Kurt Faltlhauser, 66, dürften alle im Kabinett bleiben.

So geht das Spekulieren derzeit munter dahin - und um das nicht ausufern zu lassen, setzt mancher auf die Variante, dass Stoiber, um CSU-Chef zu bleiben, im Gegenzug sein Büro in der Staatskanzlei schon früher räumt.

Nur: Da ist ja noch Erwin Huber. Er hat seine Ambitionen auf den Job als Ministerpräsident zurückgestellt für die Lösung, stattdessen Parteichef zu werden und mit seinem Rivalen Beckstein ein Tandem zu bilden. Vor der Fraktion gibt sich Huber selbstbewusst, am Abend zuvor, während Stoiber von Tisch zu Tisch geht, eher nachdenklich. Weil Seehofer nicht zurückzieht? Oder weil er befürchtet, dass mit Stoiber plötzlich wieder ein neuer Kandidat im Ring steht?

Der wäre unbezwingbar - mäße man die Protagonisten an ihren Äußerungen. Huber wie Seehofer haben zigfach beteuert, nie gegen Stoiber antreten zu wollen. Das könnte am Ende bedeuten, dass Huber leer ausgeht. Dass er im Falle eines solchen Falles noch einmal als Ministerpräsident antritt, erscheint vielen in der CSU völlig unvorstellbar. Huber war immer ein treuer Parteisoldat. Knecht, nicht Herr. So heißt es über ihn in der CSU.

Mit einer Mischung aus Überraschung und Galgenhumor kommentiert ein führendes CSU-Mitglied all dies: "Dann kommen wir gar nicht mehr zur Ruhe."

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(SZ vom 25.1.2007)