Von Edeltraud Rattenhuber

(Sz vom 19.10.2001) - An die Gesetze der Männer hält sich Sima Samar nicht gerne. Schon als Mädchen habe sie erlebt, dass sie von ihren Eltern anders behandelt worden sei als ihre Brüder, erzählte sie im Frühjahr der Schweizer Wochenzeitung.

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In der Schule fühlte sich die Afghanin als Angehörige der schiitischen Minderheit dann doppelt diskriminiert. Doch sie wollte ihren wachen Verstand nicht verstecken. Von Anfang an habe sie Klassenbeste sein wollen, sagt sie.

Um ihren Eltern keinen Grund zu geben, sie aus der Schule zu nehmen, habe sie dreimal so fleißig gelernt wie ihre Brüder - und studierte dann Medizin.

Dem Machtwort des Vaters, der sie von der Hochschule fern halten wollte, entzog sie sich durch Heirat. Ihr Mann war aufgeklärt, ein Demokrat. Er ließ sie sogar Miniröcke tragen.

Miniröcke in Kabul? Ja, das gab es einmal.

Heute ist Sima Samar 44 Jahre alt. In kurzen Kleidern, sagt sie, traute sie sich nicht mehr herumzulaufen - auch zum eigenen Schutz in der islamischen Gesellschaft im pakistanischen Quetta, wo sie lebt und arbeitet.

Aber innerlich ist die Ärztin die leibhaftige Insubordination geblieben. Tag für Tag unterläuft sie das Gesetz der Taliban, wonach Frauen nicht arbeiten, Mädchen nicht zur Schule gehen dürfen.

Die kleine Frau mit dem Kurzhaarschnitt betreibt 50 Schulen in Afghanistan, offen auf dem Land, in den Städten im Untergrund. Etwa 20.000 Mädchen und junge Frauen werden dort unterrichtet - ein Netzwerk der Subversion.

Auch jetzt, während der Bombenangriffe, wird dort gelesen, gerechnet, geschrieben. In ihrem Exil in Pakistan bildet sie Flüchtlingsfrauen als Lehrerinnen und Krankenschwestern aus.

Im Vortragsraum der Evangelischen Hochschulgemeinde in München, wo Sima Samar jetzt auf Einladung der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes einen Vortrag hielt, konnte sich keiner ihrer Ausstrahlung entziehen.

Wer ihr zuhört, vergisst sofort jedes Klischee von der schwachen Afghanin. In den Städten, da seien die Taliban stark, sagt sie.

Da wollten sie kein weibliches Gesicht sehen, Frauen nicht einmal hören. Sei das Klappern ihrer Schuhe zu vernehmen, würden sie ausgepeitscht. "Frauen müssen leise, demütig gehen", sagt Sima Samar.

Ihr ist das zuwider. Schon immer war sie gegen purdah, das Gesetz, das Frauen ins Haus verbannt. Sie hält Männer, die Frauen im öffentlichen Leben nicht dulden wollen, für Heuchler, die Angst vor ihrer eigenen Sexualität haben. "Wer hat sie denn geboren?", fragt sie.

Die Ärztin ist in allem, was sie tut, auch Politikerin. Sie wird nicht müde zu betonen, dass der fundamentalistische Islam nicht der afghanische sei.

Der sei von Arabern, Pakistanern und Amerikanern eingeschleppt worden - im Kalten Krieg, um die Sowjettruppen aus dem Land zu treiben.

Frauen zu unterdrücken, "das ist nicht unsere Kultur", sagt sie. Sima Samar und ihre 900 Mitarbeiter setzen oft ihr Leben aufs Spiel, um ihr Ziel - ein besseres Leben für die Frauen - zu erreichen.

In Afghanistan unterhielt sie bisher auch vier Kliniken für Frauen. Zwei gibt es nicht mehr, sie wurden von den Taliban geschlossen. Drei ihrer Mitarbeiter starben dabei. Einem wurde bei lebendigem Leib die Haut abgezogen. Er gehörte wie Sima Samar der ethnischen Minderheit der schiitischen Hazara an.

Für ihr Engagement hat sie bereits mehrere Preise gewonnen. Dreimal war sie in Davos beim Weltwirtschaftsforum eingeladen, als eine der hoffnungsvollen Führungskräfte von morgen.

Sie ist anerkannt als eine Stimme der Frauen in Afghanistan. Doch das Positive kann das Schreckliche nicht aufwiegen. Ihr Mann starb 1978 beim prosowjetischen Putsch. Sie floh aus dem Land, mit ihrem einzigen Sohn, der damals noch ein Kleinkind war. Ihre Organisation nannte sie Shuhada - Märtyrer.

Trotz des Leids: Sima Samar klagt nicht. Aber sie klagt an. Die Bombardements der USA müssten sofort aufhören, sagt sie. Die humanitäre Lage in Afghanistan sei katastrophal.

Die paar Lebensmittelpäckchen, die die USA abwürfen, dienten nur der "Show". Doch am meisten regt sie sich auf über den Pakt, der derzeit für Afghanistans Zukunft geschmiedet wird: Taliban sollen an der Regierung beteiligt werden.

Sima Samar fordert UN-Truppen und eine Regierung aus allen Volksgruppen. Und mit Frauen. "Vergesst die Frauen nicht", sagt sie. Selbst die Ungebildetsten seien noch gebildeter als jeder Taliban-Führer. Ob es denn genügend Frauen gebe, die sich dann hinter der Burkha, dem Ganzkörperschleier, hervorwagen werden? "Wenn die Taliban bleiben, werden sie mir die Kehle aufschlitzen", sagt Sima Samar.

Doch wenn man Demokratie wolle, müsse man sich auch zeigen und Gefahren in Kauf nehmen.

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