Die Affäre Wulff und die Öffentlichkeit Über den Bundespräsidenten urteilen 80 Millionen

In den vergangenen Wochen war fast jeder Tag ein Verhandlungstag in der Causa Wulff. Die Medien und die Gesellschaft inszenierten das Jüngste Gericht - ohne einen zornigen Gott. Wir haben einfach seine Stelle übernommen. Aber wir spielen ihn schlecht.

Ein Gastbeitrag von Petra Bahr

Ist er blass genug, um ihm die Zerknirschung zu glauben? Zeigt sich in seinen geröteten Augen genug Tränenflüssigkeit? Ist die Buße aufrichtig? Ein Präsident sitzt auf der medialen Sündenbank, und ein ganzes Volk sitzt zu Gericht. Er heißt Bill Clinton, und zur Verhandlung steht seine Affäre mit der Praktikantin im Weißen Haus, Monica Lewinsky.

Die deutsche Gesellschaft guckte damals, Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, irritiert bis angewidert über den großen Teich. Die Mischung aus Puritanismus und medialer Schlammschlacht, aus moralischer Empörung und politischem Kalkül stieß auf Unverständnis.

Ob das auch künftig so bleibt? Je mehr leidenschaftliche Küsse und knappe Abendkleider mit politischen Ämtern in Verbindung gebracht werden, je größer die Sehnsucht nach Glamourpaaren mit Amt und Mandat wird, die den königlichen Liebespaaren in den europäischen Nachbarländern das Wasser reichen können, desto gefährdeter ist dieser Comment.

Doch dass ein deutscher Spitzenpolitiker vor viertausend Pastoren und laufenden Kameras nicht nur die eigene Frau, sondern auch das ganze Volk wegen einer ehelichen Verfehlung um Vergebung bittet, wie das Clinton schließlich tat, ist auch heute noch unvorstellbar. Die Amerikaner seien nur unvollkommen säkularisiert und inszenierten den Umgang mit Fehltritten als Jüngstes Gericht auf Erden, hieß es bei den Kommentatoren während der Clinton-Affäre naserümpfend.

Das Jüngste Gericht? In der Tat können hierzulande die wenigsten noch etwas mit dem Gedanken des Gerichts anfangen. Gott als Weltenrichter gibt es im Museum, als Drohkulisse mittelalterlicher Kunst oder auf der CD, wenn bei einer langen Autofahrt das "Dies Irae" aus den Lautsprechern donnert - der Tag des Zorns als Szene einer vergangenen Glaubenskultur.

Selbst jene, die das Glaubensbekenntnis noch einigermaßen sicher sprechen, stolpern über den Satz "Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten" hinweg. Der Jüngste Tag ist Geschichte. Gut so, könnte man meinen. Haben nicht Generationen von Geistlichen den Menschen mit einem göttlichen Richter gedroht, der nicht Heil und Segen, sondern Heulen und Zähneklappern bringt? Auf der Liste missbrauchter theologischer Lehrstücke steht das Jüngste Gericht ziemlich weit oben.

Doch die säkularen Reste verdrängter Glaubenssätze sind manchmal mindestens so furchtbar wie das falsch verstandene christliche Erbe. Wer die vergangenen Wochen Revue passieren lässt, in dem fast jeder Tag ein Verhandlungstag in der Causa Wulff gewesen ist, kann sehen, was passiert, wenn wir das Jüngste Gericht selbst aufführen. Die Tribunalisierung unserer Gesellschaft erzeugt eine Paranoia eigener Art, ganz ohne einen zornigen Gott. Wir haben einfach seine Stelle übernommen. Aber wir spielen ihn schlecht.