Engagement für SPD Günter Grass, der Parteisoldat

Es war auch seine Unterstützung für die Sozialdemokratie, die Günter Grass berühmt machte. Er suchte die Nähe zur Macht - und sah sich gerne als republikanischen Wanderprediger.

Von Willi Winkler

Es begann mit einer Bewerbung. Willy Brandt, Regierender Bürgermeister von Berlin und als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 1961 nicht ohne Aussichten, lud die Schriftsteller der Gruppe 47 zu einem Gespräch ein. Günter Grass, als Autor der "Blechtrommel" bereits berühmt und berüchtigt sogar bei den Literaturfernen, meldete sich sofort zum Gespräch und wollte dabei sein, wollte beim Verfertigen der Reden des Kandidaten helfen. "Aber du bist doch Anarchist!" soll Gruppenchef Hans Werner Richter erstaunt gerufen haben. Richter hatte selbstverständlich recht und täuschte sich doch. Einen besseren Parteisoldaten als Grass hat die SPD bis heute nicht vorzuweisen.

Günter Grass (Nachruf Seite Drei) war ein anarchistischer Dichter, aber er suchte früh die Nähe zur Macht. Brandt wurde sein Mann, populär in Berlin und Emigrant, einer der sich Hitler widersetzt und nicht in der Partei mitgemacht hatte wie sein eigner Vater, nicht in der SS für den Endsieg gekämpft hatte wie er selber.

Der Trommler

Er glaubte an eine "Vielzahl von Wirklichkeiten". Günter Grass prägte die deutsche Nachkriegsgeschichte literarisch, politisch und persönlich - dann wurde der Autor der "Blechtrommel" selbst ein umstrittener Teil von ihr. Von Irene Helmes mehr ... Nachruf

In diesen frühen Sechzigerjahren gab es noch Gegner, die sich auf die alten Schmähbegriffe verstanden. Der allzeit regierenden CDU fielen so schöne Vokabeln ein wie "Reichsschrifttumskammer" für die Gruppe 47 oder "Pinscher" für die Schriftsteller im Allgemeinen. Und zeigten die Springer-Zeitungen nicht mit Begeisterung auf den Schmuddel-Dichter Grass? Der Öffentlichkeit, und nicht bloß der von Springer geformten, galt Grass keineswegs als früh weltberühmter Autor und kommender Nobelpreisträger, sondern als "Pornograf", als der Mann, der seinen Oskarzwerg schweinische Dinge tun oder das heilige Nazi-Ritterkreuz in "Katz und Maus" an ganz unpassender Stelle baumeln ließ.

Ihre Erinnerungen an Günter Grass - ein Kondolenzbuch

"Die Blechtrommel", "Der Butt" und "Im Krebsgang". Die Werke von Günter Grass prägten die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wie erinnern Sie sich an den Literaturnobelpreisträger? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Der alte Traum, dass der Dichter Einfluss auf die Politik nehmen könnte, wird bei Grass zur Pflicht. Streng geht er mit den Freunden, geht mit Böll und Andersch, mit Walser und Enzensberger ins Gericht, weil sie dem eifrig zur Mitte strebenden Kandidaten nicht mit der gleichen Begeisterung huldigen wollen wie er.

Melancholische VW-Bus-Tour über die Dörfer und Kleinstädte

Brandt scheiterte im ersten Anlauf. Aber Grass gab nicht auf. Im Stil der Wehgesänge der Brecht'schen Mutter Courage gab er 1965 die Parole aus: "Glaubt dem Kalender - im September / beginnt der Herbst, das Stimmenzählen; / ich rat euch, Es-Pe-De zu wählen."

Damit politisiert er eine ganze Generation. In der Dauersubventionsruine West-Berlin verschafft das von Grass begründete Wahlkontor der jungen Intelligenz Arbeit wenigstens auf Zeit: Peter Schneider, F. C. Delius, Michael Krüger, Klaus Roehler schreiben Reden für Brandt und den Wirtschaftssenator Karl Schiller; die Germanistikstudentin Gudrun Ensslin ist als Sekretärin dabei. Später wird Grass wegen dieses unbezweifelbaren Einsatzes für Berlin und die gute Sache eine gigantische Steuerbefreiung fordern.

Kunst, Politik, Kontroversen

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Willy Brandt scheitert zunächst wieder, greift aber zu, als sich die Gelegenheit zu einer Großen Koalition bietet. Grass warnt vor der Verbindung mit dem ehemaligen NSDAP-Mitglied Kiesinger, doch der neue Außenminister ist staatsmännisch und antwortet einfach nicht. Grass steckt das noch sportlich weg, denn bald schon gilt es die nächste Kampagne, und diesmal, im dritten Anlauf, gelingt das große Projekt. Im Jahr 1969, nach zwanzig Jahren konservativer Herrschaft, bekommt die Bundesrepublik ihren ersten SPD-Kanzler, der auch gleich, eine von Günter Grass zumindest inspirierte Formulierung, "mehr Demokratie wagen" will.

So hochgemut der Wahlkämpfer Grass die Lande bereist, um für die SPD oder vielmehr seinen geliebten Willy Brandt zu (unvermeidliche Vokabel:) trommeln, so melancholisch wirkt diese VW-Bus-Tour über die Dörfer und Kleinstädte. Die Lage ist im heißen Sommer 1969 hoffnungslos und gleichzeitig vielversprechend. Günter Grass beschreibt sich in einer Rolle, in der er sich nicht ungern sieht: der des republikanischen Wanderpredigers, der den Ungebildeten politische Nachhilfe erteilt.

Ein ganz wunderbarer Demokrat

Günter Grass war sich Zeit seines Lebens nie zu schade, für seine Ideale zu kämpfen. Mit ihm konnte man streiten, schimpfen und maulen. Und er war einer, der sich immer auch der Kritik des Publikums stellte. mehr ... Videokolumne