Deutschlands Debattenschwäche Dichter und Denker - aber keine Redner

Techniker richten in Lübeck das Fernsehstudio für die "Wahlarena" mit Kanzlerin Merkel ein, die am 11. September gesendet wird.

(Foto: dpa)

Nur wenige deutsche Politiker sind schlagfertige Rhetoriker. Das hat historische Gründe - und macht den Wahlkampf wieder einmal so langweilig.

Kommentar von Johan Schloemann

Der Höhepunkt des Wahlkampfs war der Tiefpunkt der Debattenkultur. Niemand, der nicht selber Wahlkämpfer ist, kann das leugnen. Ob nun das Anwachsen der AfD auf zweistellige Prozentzahlen in den Umfragen tatsächlich direkt auf den vergangenen Sonntagabend zurückgeht oder nicht: Die Enttäuschung ist groß. Möglicherweise ist die Verschärfung und Verrohung ja gar nicht das einzige Problem, das diese Demokratie gerade hat, sondern auch die Entschärfung und Abgekochtheit der erfahreneren Politiker.

Und so machte sich in dieser Woche ein schwerer Duell-Kater breit. Er zeigte sich daran, dass abseits der Fernsehsendungen viele Menschen über das Debattieren debattierten anstatt über die politischen Zukunftsfragen, um die es eigentlich geht. In denselben Tagen sorgten die kleineren Parteien für zwischenzeitliche Belebung, stiefelte eine beleidigte Spitzenkandidatin wortlos aus einer Diskussion hinaus und sagte ein Bundestagspräsident zum Abschied, es werde im Parlament "noch immer zu viel geredet und zu wenig debattiert".

Tut sich Deutschland besonders schwer mit dem lebendigen Austausch von politischen Argumenten? Und geht das Problem über die persönlichen Eigenschaften einzelner Politiker hinaus, also über die Unterschiede im Temperament, in der Schlagfertigkeit, in der Prägnanz der Sprache, beispielsweise im Vergleich zwischen Angela Merkel und Joschka Fischer? Oder zwischen Alice Weidel und Sahra Wagenknecht?

Der Mangel an Schlagabtausch wird zur Selbstbeschreibung

Ja, es gibt schon länger den Verdacht, dass Deutschland auch in Sachen öffentlicher Rede eine verspätete Nation war und ist. Zwar hat es in der Kaiserzeit, in der Weimarer Republik, in der Bundesrepublik auch einige saftige, kraftvolle, mitreißende Parlamentsredner gegeben, manchmal sogar auch witzige, was man den Deutschen ja immer nicht zutrauen will. Und auch die Nationalsozialisten bedienten sich durchaus geschickt der Rhetorik, wenn auch in schreiender, grotesker, pathetischer Weise, und ohne sich auf irgendetwas einzulassen, das man demokratische Debatte nennen konnte.

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Aber vorher fehlten hierzulande lange Zeit die großen republikanischen Foren, es fehlten Parlament und öffentliche Gerichtsverhandlungen. Deutschland war eine kleinstaatlich zersplitterte Buch-, Schrift- und Verwaltungsnation. Wenn das Sprechen in bestimmter Weise geschult wurde, dann nur an drei Orten mit K: Kanzel, Katheder und Kaserne.

Man blickte neidisch auf das englische Unterhaus, und dann auch, in revolutionären Zeiten, auf die französische Nationalversammlung sowie Kongress und Senat in den USA. Und auf die Vorbilder der alten Griechen und Römer. Das war nicht nur so ein Gefühl; der Mangel an offenem Schlagabtausch wurde fast zu einer Selbstbeschreibung der Nation. Allein die Formel "Dichter und Denker" weist ja auf eine Leerstelle hin: die Redner.

Deutschland hat in der Rhetorik wie in der Demokratie aufgeholt

Der Aufklärer Johann Christoph Gottsched schrieb in seiner "Ausführlichen Redekunst" von 1736: "Es ist uns gar nicht daran gelegen, dass wir viel gedruckte Reden haben: Vielmehr würde es Deutschland eine Ehre sein, wenn es einen einzigen Demosthenes, oder einen Cicero, aufzuweisen hätte." Johann Gottfried Herder, der Weimarer Klassiker, klagte: "Das Ohr unseres Volks ist stumpf und nur nach dem Ohr der Hörer bildet sich Zunge und Rede." Und Adam Müller, ein Diplomat und Denker der politischen Romantik, hielt 1812 "Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland" und jammerte darin über "die unglücklichen Folgen des stummen schriftlichen Lebens, zumal unsrer Nation".

Was hat das mit dem Wahlkampf 2017 zu tun? Nun, Deutschland hat, wie in der Demokratie, so auch in der Rhetorik aufgeholt. Aber die Langzeitwirkungen des "stummen Lebens" sind immer noch zu spüren. Es mangelt oft am flexiblen, schnellen Eingehen auf Argumente und Fragen. Dafür blühen, bei aller Bemühung, sich locker zu machen, nach wie vor das vorgefertigte Reden und die bürokratische Sprache. Die Bundeskanzlerin hat ihre Wahlkampfauftritte allen Ernstes "Darlegungen" genannt. Wenn aber die Sprache unanschaulich und die Form zu monologisch wird, leidet auch die Argumentationskunst. Und man wirft mit Begriffen aus Sitzungen und Gesetzen um sich: "Vorbeitrittshilfen!" "Sachgrundlose Befristung!" Wo immer man lernt, öffentlich so zu reden, sollte man den Unterricht ändern.

Schrille Kontroversen allein sind keine Garantie für weise Entscheidungen

Dem Bundestag attestiert man schon seit einiger Zeit Debattenschwäche, wie nun auch wieder Norbert Lammert, in seiner letzten Rede als Präsident - trotz der berühmten Sternstunden. Und daran sind nicht (nur) die Talkshows schuld. Die Geschäftsordnung sah eigentlich mal vor, dass die Reden frei zu halten sind. Das heißt nicht, dass man Redemanuskripte ganz verbieten muss, aber es gibt etwa den überfälligen Vorschlag, die Befragung der Bundesregierung spontaner zu gestalten. Ein wenig hülfe es wahrscheinlich schon, wenn nicht wieder eine große Koalition gebildet würde. Die Deutschen lieben ja sichere Mehrheiten, aber gerade eine weniger "stabile" Regierung kann die Demokratie stabilisieren - durch rhetorische Belebung nämlich und, um ein missbrauchtes Wort zu verwenden, Alternativen.

Und dann wären da noch "das Internet" und "die Medien", die am Verfall der politischen Beredsamkeit schuld sein sollen. Abgesehen davon, dass Politik immer medial vermittelt ist: Natürlich ist das Wirrwarr der Kanäle so groß wie nie. Aber es kommt darauf an, was man daraus macht. Videos von gelungenen Reden werden viel herumgeschickt. Und die Fernsehsender sollten dringend weiterexperimentieren mit Formaten, in denen man sich weder anschreit, noch Floskeln heraushaut, noch an den wichtigsten gesellschaftlichen Problemen vorbeiredet.

Schrille Kontroversen allein, das sieht man an den USA und Großbritannien, sind noch keine Garantie für weise Entscheidungen. Es müssen noch ein bisschen Respekt, Witz, Beweglichkeit und Klugheit hinzukommen für eine lebendige Debatte, die den Namen verdient. Der Hunger danach ist auch in der digitalen Ära viel größer, als man meinen könnte.

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