Deutschland von unten (III) Das Leben vor und in der Glotze

Das Drama ist der Alltag: Hartz IV, Furz Drei und die Geheimnisse des so genannten Unterschichtenfernsehens, in dem es nur bedingt um Bildung geht.

Von Von Holger Gertz

Es ist schwierig, einen Termin bei Borris Brandt zu bekommen, er hat verdammt viel zu tun. Im Büro geht gar nichts, hatte seine Mitarbeiterin am Telefon gesagt, auch abends nicht, abends hat er noch eine Besprechung. Bleibt nur die Zugfahrt, zwischen zwei Sitzungen, nachmittags vielleicht, da kommt er aus Frankfurt und muss nach Köln, 15 Uhr fährt der ICE ab, der Platz für Borris Brandt sei reserviert. Wagen 28, Platz 36.

Borris Brandt fährt Erste Klasse.

Er sieht auch erstklassig aus, Hemd und Dreiteiler, der Bart auf Viertageslänge getrimmt. Seine Turnschuhe, weinrot mit gelben Streifen, sind der einzige Farbtupfer in Wagen 28, in dem sonst die Boss-Träger sitzen, Frankfurter Banker vielleicht. Es riecht nach teurem Aftershave, aus Aktentaschen lugt das Handelsblatt. In der Ersten Klasse rauscht die Upperclass, die Oberschicht durchs Land, und irgendwie sind die bunten Turnschuhe des vergnügten Borris Brandt wie ein Signal dafür, dass er da nicht so richtig hineinpasst. Die Tür schließt sich mit leisem Fauchen.

Borris Brandt reist mit der Oberschicht. Aber er ist im Auftrag der Unterschicht unterwegs.