Von Matthias Kolb, St. Petersburg

Beim Petersburger Dialog wollen Russen und Deutsche über Zivilgesellschaft diskutieren - und streiten über den Georgienkonflikt und Medien.

Die Aula einer Universität ist normalerweise ein Ort klarer Worte und geschliffener Argumente. Es erschien also passend, den 8. Petersburger Dialog in der 1724 gegründeten Staatlichen Hochschule in St. Petersburg zu eröffnen - unter den ersten Professoren der ältesten russischen Uni waren zahlreiche Deutsche und zu besprechen gab es für die Vertreter aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft nach der Georgien-Krise genug.

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Kühler Herbst herrscht in Sankt Petersburg - und auch in den Dialogen zwischen Russen und Deutschen. (© Foto: AFP)

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Einst waren die Petersburger Dialoge 2001 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem Ex-Präsidenten Wladimir Putin ins Leben gerufen worden. Sie sollten den beiden Ländern eine Plattform zu Diskussionen und zum Meinungsaustausch geben - doch die Zeiten für solche Dialoge sind spürbar schwieriger geworden.

Beide Seiten zu selbstsicher

Schon die erste Diskussion zeigte, wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Ereignisse im Südkaukasus sein kann. Dabei war das Thema der Podiumsdiskussion "Die Rolle der Zivilgesellschaften bei Krisenprävention und Konfliktbewältigung" bereits im Juni festgelegt worden - lange vor Ausbruch den Krieges.

Andreas Schockenhoff, zuständig für die Koordination der deutsch-russischen Beziehungen im Auswärtigen Amt, merkte selbstkritisch an, beide Seiten seien womöglich zu selbstsicher gewesen. Das bilaterale Verhältnis sei doch nicht so "belastbar" wie anfangs gedacht. Der CDU-Politiker appellierte dafür, das Gespräch zu suchen und möglichst viele junge Menschen und Wissenschaftler zusammenzubringen.

Der stellvertretende Vorsitzende des Russischen Föderationsrates, der zweiten Kammer des Parlaments, Dmitrij Mesenzew, rief ebenfalls zur Offenheit auf: "In den letzten Jahren waren wir Russen in diesem Forum immer ehrlich. Wir haben nichts verschleiert." Entsprechend offen kritisierte er die Berichterstattung der deutschen Medien: Der Tonfall habe sich deutlich verändert und selbst in den siebziger Jahren habe es keine so starken Klischees und vorgeprägten Meinungen gegeben.

Er lud deutsche Journalisten ein, über die verschiedenen Regionen des Landes zu berichten - es gebe nicht nur Moskau und St. Petersburg. Noch deutlicher wurde die frühere TV-Journalistin Gabriele Krone-Schmalz: Sie forderte eine "Informationskampagne" in Deutschland, um das Russlandbild zu versachlichen.

Der Direktor und Künstlerische Leiter des Marinski-Theater, Waleri Gergijew, schilderte, wie er die Georgien-Krise während seiner Europa-Tournee wahrgenommen habe. Er habe alle ihm zugänglichen Medien genutzt und mit Freunden vor Ort telefoniert und warb dafür, die noch bestehenden Brücken zwischen Russland und Georgien nicht einzureißen.

Doch auch Gergijew warf den westlichen Medien vor, einseitig berichtet zu haben: "Es war eine Bühne für einen Schauspieler." Georgiens Präsident Saakaschwili sei immer im Fernsehen präsent gewesen, die russische Position dagegen zu wenig präsentiert worden.

"Für uns gibt es kein Problem mit Deutschland, warum ist es andersrum?", fragte Gergijew. So waren die Positionen eindeutig festgelegt, die bereits am Rande der Veranstaltung immer wieder zu hören waren und sich wenig änderten.

Von Wirtschaftsvertretern war die Hoffnung zu hören, der Kaukasuskrieg dürfe die Geschäfte nicht weiter stören, immerhin seien die deutschen Exporte im ersten Halbjahr 2008 auf 15,8 Milliarden Euro gestiegen. Die Befürchtung, die herauszuhören ist: "Wenn wir die Geschäfte nicht machen, macht sie jemand anders."

Vertrauen zerstört

Die Einschätzung von Andreas Schockenhoff, die militärische Intervention habe beiden Seiten geschadet und viel Vertrauen zerstört, blieb unwidersprochen. Der CDU-Abgeordnete will "gemeinsam nach vorn schauen" und mit gemeinsamen Projekten auf allen Ebenen für positivere Bilder sorgen. Das Grummeln in der deutschen Delegation verriet, dass einige lieber zunächst debattieren möchten, was falschgelaufen ist.

Die Journalistin Krone-Schmalz, die zuletzt ein Buch über die deutsche Russland-Berichterstattung publiziert hat, legte am Ende nochmal nach - und irritierte damit die anwesenden Medien: Die westlichen Politiker hätten "herumgeeiert", als es um die Schuldfrage ging: "Dies musste die russische Seite verletzen."

Ihr Vorschlag: Die ARD, ihr früherer Arbeitgeber, solle jeden Monat "eine halbe Stunde Programm über Russland senden, mit allen positiven und negativen Seiten". Ob dies künftig auch für die USA, Polen, die Türkei oder andere Staaten gelten sollte, thematisierte Krone-Schmalz nicht.

Am heutigen Donnerstag beginnen nun in der Stadt an der Newa die deutsch-russischen Regierungskonsultationen, an der als Reaktion auf die Georgienkrise nur sieben deutsche Minister teilnehmen. Zuvor werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew den Petersburger Dialog besuchen und die Vorschläge der Arbeitsgruppen anhören und diskutieren.

Dann wird man sehen, ob die Meinungsverschiedenheiten deutlich werden - und ob in der Aula der Petersburger Universität neue Ideen und gute Argumente zu hören sind.

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(sueddeutsche.de/ssc)