Out of Mumbai: Wir Deutsche verwenden derzeit viel Kraft darauf, uns vom Horror nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Gut so.
Das aktuelle Gesicht des Terrors ist das eines Einundzwanzigjährigen in Cargo-Hose mit einem Rucksack voller Datteln. Man hätte Ajmal Mohammed Amir Kasab für einen Touristen halten können, hätte er auf dem Bahnhof in Mumbai nicht angefangen, Menschen zu erschießen: ein junger Mann, angereist in einem Boot, ein skandalös harmlos aussehender, vielleicht etwas bedröhnter Traveller des Todes.
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Evolutionär gesehen das überlegene Modell: der Couchpotato. (© Foto: Getty)
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Inzwischen hat Indien seine Opfer bestattet, so wie die meisten anderen Länder, die in den 60 Stunden von Mumbai Bürger verloren haben. Die Welt buchstabiert die Namen neuer Terror-Zellen, und Experten versuchen sich an ungewöhnlichen Deutungsversuchen. In der BBC beispielsweise erklärte ein Wissenschaftler, es handele sich um eine nie da gewesene Spielart des Terrors, der keinen politischen Umsturz und keine Ideologie mehr verfolge, sondern der einzig auf ein Maximum an globaler Sendezeit zielt, einen ,,celebrity terror''. Doch auch der Rest ist sich einig: eine Handvoll Wahnsinniger, die von kleinen Booten aus eine solche Metropole überwältigen: eine neue Qualität.
Was sonst? Terror lebt von der Überbietung. Ohne die ständige Steigerung würden wir Menschen aus Erschöpfung irgendwann aufhören, Angst zu haben. Ununterbrochene Todesangst aber macht kein Organismus mit. Längst war der Terror deshalb in tiefere Schichten unseres Bewusstseins gesunken, überdeckt von anderen Katastrophen, Klima, Finanzen, Deutscher Fernsehpreis. Das Unvorstellbare war doch längst eingetreten, ein Leben mit dem Terror, die Gewöhnung an eine Bedrohung, die vielleicht das Leben einzelner, auch Tausender auslöschen kann, aber keine ganzen Gesellschaften, keine Staaten, nicht die Menschheit.
Deshalb waren die Tage in Mumbai so erschreckend. Die Toten, die Scherben, das Blut sind weit weg. Aber wer garantiert, dass es nicht mal Berlin trifft?
Sicherheit ist kein Zustand, sondern ein Gefühl. Insofern stimmt zwar, dass es absolute Sicherheit nicht gibt, aber das Gefühl absoluter Sicherheit, das Bewusstsein, geschützt zu sein, außer Gefahr, unverwundbar, das lässt sich sehr wohl herstellen. Es lässt sich delegieren und verkaufen, es lässt sich bewerben.
Grenzschutz, Wachschutz, die Sicherheitsorgane des Staates, ja, der Staat selbst beziehen ihre Daseinsberechtigung aus dem Schutz der Bürger. Selbst Staaten, die ihren Bürgern alle Rechte rauben, sie einsperren und umbringen, erfinden dafür meist einen Vorwand - und kein Grund klingt so überzeugend wie der Schutz vor einem noch viel schlimmeren Feind, im Inneren oder im Ausland.
Anschläge wie jene in Mumbai sind Sternstunden der Mobilisierung. Nun drängen die Mahner und Macher nach vorn, die es immer schon gewusst haben und fordern, dass jetzt endlich etwas getan wird. Dass wir uns wappnen müssen, dass wir bequem geworden sind, unentschlossen, zaghaft. SPD und Union legen ihren Streit um das BKA-Gesetz plötzlich bei, und das Misstrauen gegenüber Muslimen mit und ohne Rucksack wächst mal wieder. Wir müssen wieder wachsam sein und entschlossener und: mutiger.
Bitte nicht.
Bitte seien wir nicht mutig - und zwar nicht allein, weil Mut gegenüber Muslimen oft nur ein anderer Ausdruck für Beleidigung ist. Die Mohammed-Karikaturen waren nicht mutig, sondern eine Zumutung, Günter Wallraffs Forderung, in der Kölner Moschee Salman Rushdies "Satanische Verse" zu lesen, sie ist risikofreie Angeberei. Oft ist Mut nur die Entschuldigung für Denkfaulheit. Wer erwähnt, dass der Islam demokratiekompatibel sein könnte, muss sich dann gefährliche Träumerei vorwerfen lassen, wer darauf hinweist, dass sogenannte Ehrenmorde und Beschneidung kulturelle, nicht religiöse Ursachen haben, gilt als naiver Islam-Versteher.
Mit Gratismut aber lässt sich weder Deutschlands Integrationsproblem lösen noch der Anschlag in Indien begreifen, wo sich religiöser Hass und die politischen Rivalitäten zweier Nuklearmächte zu einer undurchschaubaren Konfliktlage ergänzen. In Mumbai mordeten Muslime, aber davor wurden Muslime Opfer nationalistischer Hindus. Wenn überhaupt, sollten wir nicht den Islam fürchten, sondern den Fundamentalismus, christlichen, jüdischen, hinduistischen, muslimischen. Fundamentalisten fehlt es nie an Entschlossenheit.
Und nein, es muss jetzt nicht durchgegriffen werden. Wir müssen den samtzüngigen Händlern der Sicherheit ihre Vollkasko-Pakete nicht blind abnehmen, zumal der politische Preis noch nicht berechnet ist. "In Fragen der Sicherheit bedeutet die kleinste Unterlassung den politischen Tod", hat der Philosoph Wolfgang Sofsky geschrieben: "So fördert die Demokratie selbst den inneren Imperialismus des Maßnahmenstaates."
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