Die eigene Wirklichkeit des Fußballspiels macht auch aus der gespaltenen Identität der Deutschtürken eine auf Zeit geeinte. Wenn alles gutgeht, kann die EM-Partie Deutschland gegen die Türkei mehr zur Integration leisten als manches gut gemeinte Sozialprojekt.
Ankara und Berlin liegen mehr als 2500 Kilometer auseinander, und dennoch wird das Spiel, das Deutschland und die Türkei an diesem Mittwoch in Basel austragen, vom Charakter her ein Lokalderby sein.
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Beeindruckend häufig flattert in diesen Tagen die türkische neben der deutschen Flagge: eine Imbissbude im Hamburger Stadtteil St. Gerorg. (© Foto: dpa)
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Es hat ein bisschen etwas von 1860 München gegen Bayern und von St. Pauli gegen den Hamburger SV, weil ein Favorit gegen einen Außenseiter antritt, ein Großer gegen einen Kleinen, der dem Großen dann doch Respekt einflößt. Das aber reicht alles nicht, um die Bedeutung des Derbys zu beschreiben.
Fußball ist das "Tor zur Welt", sagt der Philosoph Klaus Theweleit - das Spiel ist Realitätsmodell und Abbild der Wirklichkeit. 90, 120 Minuten, vielleicht noch länger werden an diesem Abend und in dieser Nacht Millionen Deutsche, Deutschtürken und Türken in Deutschland ihr Leben, ihre Träume und Sehnsüchte in einem Spiel wiederfinden.
Das gilt für die Deutschen, die nicht mehr die Rumpelfußballer der Welt sein wollen und darauf hoffen, dass die Nationalmannschaft ihre Sehnsucht nach Leidenschaft und Eleganz erfüllt. Das gilt noch mehr für die Türken im Land, für die Triumph und Leid ihres Teams ein Bild der eigenen Lage ist: Da ist eine Mannschaft ganz unten, trotzdem erkämpft sie sich immer wieder den Sieg in letzter Minute, steckt alle Verletzungen weg, widerlegt alle Experten, die den Türken nicht mehr zugetraut haben, als ebenso leichtfüßig wie leichtfertig unterzugehen. Es ist der Triumph der Gedemütigten, derer, die kaum jemand ernstgenommen hat.
0:1 schon bei der Geburt
Fußball ist aber noch mehr als ein Spiegelbild der Realität. Fußball ist offen - die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht, hat schon Sepp Herberger gesagt. Diese Offenheit unterscheidet das Spiel von der Wirklichkeit. Im richtigen Leben fällt es vielen Türken in Deutschland schwer, den gleichen Bildungsgrad, den gleichen Lebensstandard und die gleiche Anerkennung zu bekommen wie die Deutschen - schon bei Geburt liegen sie quasi mit 0:1 zurück, müssen immer ein bisschen schneller laufen und härter kämpfen.
Ein Fußballspiel beginnt dagegen mit 0:0, und immer hat das Unerwartete seinen Platz: der Außenseitersieg, das Tor in der letzten Minute, der Keeper, der im Elfmeterschießen den Ball doch noch mit den Fingerspitzen um den Pfosten lenkt.
Das Spiel öffnet also den Türken in Deutschland für eine Nacht das Tor zu einer anderen Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, in der sie gleich und gleichwertig sind, während sie sonst den Unterschied spüren - wobei es bezeichnend ist, dass so viele Türken in den nun zahlreichen Straßenumfragen erklären, dass ihnen auch eine ehrenvolle Niederlage zur Freude gereichen würde.
Es ist dies auch eine Wirklichkeit, in der das Fremde ähnlich wird, weil die Türken jubelnd, feiernd und trauernd neben jubelnden, feiernden, trauernden Deutschen stehen und es keine Rolle spielt, dass noch nie ein Deutscher sie zu sich nach Hause eingeladen hat und auch die Zahl deutscher Gäste auf türkischen Hochzeiten überschaubar geblieben ist. Eine andere Wirklichkeit, in der türkischstämmige Politiker erklären, ihre Mannschaft sei im Endspiel, egal, ob die Türken oder die Deutschen gewinnen. Für eine Nacht lebt die Ahnung dessen, was an Miteinander möglich wäre.
Die eigene Wirklichkeit des Fußballspiels macht auch aus der gespaltenen Identität der Deutschtürken eine auf Zeit geeinte. Es ist die Rückkehr zu den Wurzeln für eine Nacht, und die Deutschen sollten tolerant sein gegenüber einem gewissen Überschwang - nicht jedoch gegenüber dem kalkulierten Nationalismus derer, die aus dem Spiel politisch Kapital schlagen wollen.
Aber auch deshalb ist es kleinlich, wenn die Grünen-Chefin Claudia Roth leicht sauertöpfisch feststellt, dass ein Spieler wie der in Gelsenkirchen geborene Hamit Altintop für Deutschland spielen könnte, hätte man nur die richtige Integrationspolitik gemacht. Es gibt Wurzeln, die reichen tiefer als jede Integrationspolitik.
Im Zweifel mit dem leistungsstärkeren Bass
Eine Nacht lang wird die andere Wirklichkeit des Fußballs das Verhältnis von Minderheit und Mehrheit in Deutschland bestimmen. Es wird Idioten geben, die sich prügeln, weil das Zusammenspiel von Alkohol, Emotion und nationalem Überschwang solche Idioten produziert, kulturübergreifend. Es wird aber vor allem Hunderttausende Türken und Deutsche geben, die friedlich und gemeinsam feiern; beeindruckend häufig flattert in diesen Tagen die türkische neben der deutschen Flagge.
Es wird so mancher Autokorso zeigen, dass viele Deutschtürken auch ökonomisch in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, im Zweifel mit dem leistungsstärkeren Bass. Wenn alles gutgeht, kann das Lokalderby Deutschland - Türkei mehr zur Integration leisten als manches gut gemeinte Sozialprojekt.
Die Frage, wo welche Moschee gebaut werden soll und was das Kopftuch einer Lehrerin bedeutet, wird dieses Derby in Basel so wenig klären, wie es die Bildungsmisere der türkischen Minderheit beseitigt oder irgendwelche Parallelgesellschaften in neuem Gemeinschaftsgefühl auflöst. Das Spiel wird von Donnerstag an Geschichte sein, eine Erinnerung an eine lange Nacht im Juni 2008. Nur sollte niemand die Kraft solcher gemeinsamen Erinnerungen unterschätzen.
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(SZ vom 25.06.2008/sekr)
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Als ein Türke wünsche ich mir nur ein gutes Fussballspiel mit Spannung und sehr vielen Höhepunkten und möglichst ohne Kravalle und Auseinandersetzungen zwischen den Fans. Wie der Kollege "diegorivera" schon sagt:
"Ich freu mich drauf. Wenn ich so sagen darf: Sch....egal wer gewinnt!"
Sorry:
"...denn es muß nicht NUR faire Verlierer sondern auch faire Gewinner geben."
sollte es heißen...
Lassen wir uns einmal von Fans beider seiten hoffentlich angenehm überraschen, denn es muß nicht faire Verlierer sondern auch faire Gewinner geben.
Die Deutschen sind zwar favorisiert, doch die Türken sind immer für Überraschungen in der letzten Minute gut, da müßten die Deutschen schon mit einigen Toren führen, damit am Ende nix mehr schief geht ;-)
Doch letztlich ist es eh' nur ein Spiel, wenn auch ein "wichtiges". Dazu hab' ich eben einen schönen Clip bei YouTube gefunden:
Deutschland - Türkei (Almanya - Türkiye) - Only a Game?!
http://www.youtube.com/watch?v=fAxD2MBgWyo
mich wundert das auch ich lese schon seit 4 tagen nur negative Schlagzeilen wie das auf jedenfalls eine schlägerei passieren wird.
ich sag ma sooo das es definitiv eine Auseinandersetzung geben wird wissen wir wo und wann nur nicht aber wenn jeder an seiner eigenen Nase anpackt und sich zurückhält also nicht provoziert kann man denke ich dass man sogar gemeinsam feiern kann
denn wenn die Türkei ausscheiden sollte bin ich klar der Meinung dass viele der türken für Deutschland sind.
im Gegenzug sollte dass auch soo sein denn die Beziehung zwischen deutschen und türken ist nicht nur von gestern.
MFG
hus3yin38
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