Eine Außenansicht von Joschka Fischer

In fast allen Fragen einer EU-Krisenbewältigung blockieren Paris und Berlin einander. So droht ihnen und Europa schwerer Schaden.

Die Sprüche von Warren Buffett sind zahlreich und meistens treffen sie ins Schwarze. "Nur bei Ebbe kann man sehen, wer nackt badet", lautet eine seiner Weisheiten, und er meinte damit die Lage von Unternehmen in einer Wirtschaftskrise.

joschka fischer ap Bild vergrößern

Zwischen 1998 bis 2005 Vizekanzler und Außenminister, heute Autor: Grünen-Politiker Joschka Fischer (© Foto: AP)

Anzeige

Man kann diese Weisheit auch gut auf die Lage der Staaten und Volkswirtschaften in der aktuellen Weltwirtschaftskrise anwenden. Was man dabei sieht, ist alles andere als erheiternd. Und betrachtet man die Lage Europas, dann besteht Anlass zu wachsender Sorge.

Denn die aktuelle Weltwirtschaftskrise offenbart schonungslos die Konstruktionsfehler und Defizite der Europäischen Union. Es zeigt sich jetzt, was Europa mit dem abgelehnten Verfassungsvertrag tatsächlich verloren hat, nämlich vor allem den Glauben an sich selbst und seine gemeinsame Zukunft.

Während sich Amerika inmitten dieser schlimmsten Krise seit 1929 für einen wirklichen Neuanfang mit Barack Obama entschied und dabei ist, sich neu zu erfinden, treibt jeder weitere Tag, den diese Krise anhält, die Mitglieder der EU immer weiter auseinander.

Europa erfindet sich mitnichten neu, sondern droht unter dem Druck der Krise und seiner internen Widersprüche in die Vergangenheit nationaler Egoismen und Protektionismen zurückzufallen.

Europa verfügt zwar heute über eine gemeinsame Währung und die Institution der Europäischen Zentralbank (EZB), die sich in der Weltfinanzkrise als die entscheidenden Bastionen zur Verteidigung von europäischer Währungsstabilität und europäischen Interessen erwiesen haben.

Wo wären wir Europäer denn in diesem globalen Desaster ohne den Euro und die EZB? Jede Form der Schwächung dieser beiden Institutionen würde daher auf eine schwere Beschädigung der gemeinsamen europäischen Interessen hinauslaufen.

Euro und EZB reichen nicht zur Krisenabwehr aus

Aber sehen dies die europäischen Regierungen tatsächlich auch so? Und wenn ja, handeln sie entsprechend? Gerade bei der letzten Frage sind im Lichte der vergangenen Monate schwere Zweifel angebracht.

Mit dem weiteren Fortgang der Krise wird immer offensichtlicher, dass die gemeinsame Währung und die EZB allein nicht ausreichen, um den gemeinsamen Markt und die europäische Integration in dieser Krise wirksam zu verteidigen.

Ohne eine gemeinsame, und das heißt mindestens unter den Mitgliedern der Euro-Gruppe abgestimmte und koordinierte Wirtschafts- und Finanzpolitik droht dem Euro und auch der EU eine so noch nicht da gewesene Gefahr für ihren Zusammenhalt, ja ihre Existenz.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Europa zuerst
  2. Europa zuerst
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...