Interview: Matthias Kolb

Eckart von Klaeden, Außenpolitik-Experte der Union, sieht Moskau nicht nur als Partner, sondern auch als Kontrahenten und fordert eine härtere Gangart.

sueddeutsche.de: Herr von Klaeden, Sie beklagen in Ihrem Buch, die deutsche Russlandpolitik sei von Wunschdenken und Illusionen geprägt. Wovor verschließen Außenminister Steinmeier und seine Diplomaten die Augen?

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"Nicht die Russlandpolitik der neunziger Jahre fortführen": Eckart von Klaeden ist außenpolitischer Sprecher der Union, Russlandexperte und enger Vertrauter von Angela Merkel. (© Foto: dpa)

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Eckart von Klaeden: Ich möchte dieses Thema nicht personalisieren, sondern eine nüchterne Bilanz ziehen. Von den Sozialdemokraten wird noch immer versucht, die Russlandpolitik der neunziger Jahre fortzuführen. Trotz aller Defizite, die es damals schon gegeben hat, hatte man die Hoffnung, dass sich Russland langsam, aber sicher in Richtung Demokratie und Rechtsstaat entwickeln würde. Diese Erwartung hat sich als falsch erwiesen.

sueddeutsche.de: Nicht nur Altkanzler Gerhard Schröder lobt, dass Russland unter Präsident Wladimir Putin stabiler geworden sei.

von Klaeden: Aber diese Stabilität ist nur oberflächlich. Natürlich sind die Einkommen der Bürger gestiegen, das muss man anerkennen. Aber die momentane Stärke beruht vor allem auf den - bis vor kurzen - hohen Rohstoffpreisen. Laut Organisationen wie der Weltbank, Freedom House oder Transparency International hat die Korruption zugenommen, ist der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft gewachsen und der Rechtsstaat noch weiter eingeschränkt worden. Die demokratischen Institutionen wurden ausgehöhlt. Heute muss man sagen: Es war und ist naiv, an einen Automatismus zu glauben, dass sich in Russland aus mehr Wohlstand auch der Wunsch nach mehr politischer Partizipation entwickelt.

sueddeutsche.de: Die Bundeskanzlerin sprach zuletzt von einer "Innovationspartnerschaft" zwischen Deutschland und Russland, andere betonen die "strategische Partnerschaft". Sind das nur Worthülsen?

von Klaeden: Man muss die Zusammenarbeit mit Russland konkretisieren und auf eine realistische Grundlage stellen. Die von der Bundeskanzlerin vorgeschlagene "Innovationspartnerschaft" mit Russland ist daher eine gute Idee.

sueddeutsche.de: Worin liegen die Differenzen zu einer "strategischen Partnerschaft"?

von Klaeden: Die Befürworter einer strategischen Partnerschaft auf deutscher Seite gehen davon aus, dass es eine gemeinsame Wertebasis gibt. Davon gehen die Russen nicht aus, so etwas steht in keinem russischen Dokument. Ich plädiere dafür, verbal abzurüsten und könnte mir vorstellen, dass wir eine Vielzahl von "strategischen Partnerschaften" in konkreten Fragen anstreben könnten - zum Beispiel bei der Bewältigung der Probleme alternder Gesellschaften, dem Klimaschutz, dem Kampf gegen Terrorismus oder die Aids-Problematik.

sueddeutsche.de: Was sollte sich ansonsten konkret an der Russlandpolitik ändern?

von Klaeden: Im Verhältnis mit Moskau möglichst viel auf der Ebene der Europäischen Union zu regeln. Wir müssen akzeptieren, dass kaum ein EU-Land alleine wirtschaftlich und politisch stark genug ist, um Russland auf Augenhöhe zu begegnen. Wenn die 27 Mitglieder gemeinsam handeln, können wir jedoch unsere Interessen, beispielsweise in der Energieversorgung, besser durchsetzen und auch die USA beeinflussen.

sueddeutsche.de: Würde dies nicht bedeuten, dass ein Projekt wie die Northstream-Pipeline durch die Ostsee unmöglich wäre? Polen, Schweden und die baltischen Staaten lehnen dieses deutsch-russische Vorhaben bekanntlich ab.

von Klaeden: Im konkreten Fall sind die Verträge geschlossen. Nun läuft das Verfahren. Ich gehe davon aus, dass Europas Energiebedarf so groß ist, dass diese Pipeline sowie andere Verbindungen nötig sind. Aber es geht vor allem darum, dieses Projekt stärker in eine europäische Energiepolitik und ein europäisches Pipelinenetzwerk einzubinden - die Bundeskanzlerin hat zum Beispiel angeboten, sogenannte Stichverbindungen der Ostsee-Pipeline nach Polen und ins Baltikum zu unterstützen.

sueddeutsche.de: Dennoch wird die Pipeline in Osteuropa abgelehnt und als Bedrohung empfunden.

von Klaeden: Durch das von Altkanzler Schröder mit Putin etablierte deutsch-russische Sonderverhältnis entstand der Eindruck, die Ostseepipeline solle dem Zweck dienen, Deutschland und den mittel- und westeuropäischen Markt weiter mit Gas versorgen zu können, während zur politischen Disziplinierung ehemaliger Sowjetrepubliken wie den baltischen Staaten und ehemaliger Mitglieder des Warschauer Paktes wie Polen das Erdgas umso effizienter eingesetzt werden könnte. Während Schröder die Polen als durch ihre Geschichte traumatisiert und als isolierte Gegner des Projekts darstellte, wurde von deutscher Seite genauso wenig wie auf die polnischen Bedenken auch nicht auf die Bedenken der baltischen Staaten oder Schwedens eingegangen.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum von Klaeden glaubt, dass Russland im Westen zu milde beurteilt wird.

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