Deutsche Reparationen an Athen Schuld ohne Sühne

Hakenkreuzflagge auf der Akropolis: Wehrmachtssoldaten in Athen während der Besatzungszeit.

(Foto: Oliver Das Gupta / SZ Photo)
  • Griechische Nazi-Opfer erhielten von der Bundesrepublik 115 Millionen D-Mark. Im Londoner Schuldenabkommen von 1953 wurden Reparationsforderungen bis zum Abschluss eines Friedensvertrags zurückgestellt.
  • Die Bundesregierung argumentiert, der Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 zwischen den Hauptsiegermächten einerseits und der Bundesrepublik und der DDR andererseits enthalte abschließende Bestimmung zu Reparationen.
  • Athen argumentiert, die Siegermächte und Deutschland hätten keinen Vertrag zu Lasten eines Dritten - nämlich Griechenlands - schließen können.
Analyse von Stefan Ulrich

Im vierten Jahrhundert vor Christus eroberten die Gallier unter Brennus fast ganz Rom. Vor ihrem Abzug verpflichteten sie die Römer, 1000 Pfund Gold zu bezahlen. Als die sich beklagten, die Gallier benutzten zu schwere Gewichte, soll Brennus auch noch sein Schwert in die Waagschale geworfen und gerufen haben: "vae victis" - "wehe den Besiegten".

Vae victis - so verfuhren Sieger nach vielen Kriegen. So wurden Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg im Versailler Vertrag hohe Reparationszahlungen auferlegt. Im Zweiten Weltkrieg ließ Nazi-Deutschland die von ihm besetzten und unterworfenen Länder das Vae victis spüren. Im Namen Deutschlands wurden unzählige Menschen verschleppt und ermordet, immense Schäden an Häusern und Infrastruktur angerichtet und ganze Staaten ausgeplündert. Eben auch Griechenland.

Hätte Deutschland nach dem Krieg für all dies vollen Schadenersatz leisten müssen, es wäre wohl nie wieder auf die Beine gekommen. Doch die Siegermächte hatten aus den Erfahrungen von Versailles gelernt. Deutschland zahlte zwar vielen NS-Opfern Entschädigung, also Menschen, die wegen ihrer Rasse, Religion oder Weltanschauung von den Nazis verfolgt worden waren.

Merkel lädt Tsipras nach Berlin ein

Die Lage zwischen Deutschland und Griechenland ist angespannt, jetzt trifft Kanzlerin Merkel den griechischen Regierungschef Tsipras in Berlin. Außenminister Steinmeier dämpft die Erwartungen an das Treffen. mehr ...

Griechische Nazi-Opfer erhielten aufgrund eines bilateralen Vertrags 115 Millionen D-Mark. In Sachen "allgemeine Kriegsschäden" - wozu die Leiden der Zwangsarbeiter und der Angehörigen von Massakern zählten - kam Deutschland aber günstig davon. Im Londoner Schuldenabkommen von 1953 wurden Reparationsforderungen bis zum Abschluss eines Friedensvertrags zurückgestellt, und damit, wie man in Deutschland vermutete, auf den Sankt-Nimmerleins-Tag.

Schuld und Schulden blieben jedoch nicht in den Kellern der Geschichte. Immer wieder versuchten Opferangehörige und Regierungen, Deutschland zur Zahlung von Entschädigungen zu drängen. So wie es jetzt die neue griechische Regierung mit Vehemenz tut. Athen verlangt Ersatz für die Schäden, die Deutschland während des Weltkriegs in Griechenland angerichtet hat. Die Forderungen könnten einen dreistelligen Milliardenbetrag erreichen.

Berlin argumentiert, Athen habe sämtliche Forderungen verwirkt

Die Bundesregierung lehnt solche Reparationszahlungen jedoch kategorisch ab. Sie argumentiert, mit dem sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag aus dem Jahr 1990 zwischen den USA, der Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien einerseits und der Bundesrepublik und der DDR andererseits.

Dieser Vertrag regele die Wiedervereinigung und die Souveränität Deutschlands und enthalte eine abschließende Bestimmung zu den Reparationen. Die Vertragspartner hätten dabei den Willen gehabt, weitere Zahlungen für die Zukunft auszuschließen.

In Deutschland wenig bekannt: griechische Gedenkfeier für die Opfer des Massaker von Distomo.

(Foto: John Kolesidis/Reuters)

Athen argumentiert, die Siegermächte und Deutschland hätten doch keinen Vertrag zu Lasten eines Dritten - nämlich Griechenlands - schließen können. Dem hält Deutschland die ebenfalls 1990 beschlossen Charta von Paris entgegen. Die hat Griechenland unterzeichnet. Darin heißt es, man nehme "mit großer Genugtuung Kenntnis" vom Zwei-plus-Vier-Vertrag.

Hätte Griechenland spätestens da Reparationsforderungen vorbringen müssen? Hat es also sinngemäß auf diese verzichtet? Darüber lässt sich ebenso streiten wie über die Behauptung Deutschlands, man habe im Rahmen der europäischen Einigung via Brüssel viel für Griechenland gezahlt. Daher könne Athen jetzt nicht mit alten Kriegsschulden daherkommen.