Deutsche Außenpolitik Wie Gauck ein zweiter Weizsäcker werden könnte

Schluss mit Wegducken: Das Trauma des Kriegs verhindert nach wie vor, dass Deutschland eine erwachsene Außenpolitik betreibt. Doch Berlins diplomatische Untätigkeit erzeugt in der Welt eher Angst statt Vertrauen. Bundespräsident Joachim Gauck könnte den Deutschen helfen, ihr eigenes Misstrauen zu überwinden - mit wegweisenden Worten, wie sie sein Vorgänger Richard von Weizsäcker heute vor 27 Jahren ausgesprochen hat.

Ein Gastbeitrag von Jan Techau

Jan Techau, 40, ist Direktor von Carnegie Europe, einem außenpolitischen Forschungsinstitut in Brüssel.

Als Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede vom 8. Mai 1985 das Ende des Zweiten Weltkriegs als Befreiung für Deutschland bezeichnete, war auch die Rede selbst ein Akt der Befreiung.

Kapitulation und Niederlage konnten endlich von allen als das verstanden werden, was sie wirklich waren: eben nicht das schmähliche Ende eines vermeintlich aufrechten Kampfes, sondern die Befreiung von einem verbrecherischen System, das die Deutschen selbst nicht hatten abschütteln können.

Doch die Rede Weizsäckers hat einen - bisher unausgesprochenen - zweiten Teil. Ihm kommt heute, 27 Jahre später, wachsende Bedeutung für Deutschlands Außenpolitik zu. Zur Befreiung von außen, die zur Voraussetzung für die innere Freiheit der Deutschen wurde, muss nun konsequenterweise die Befreiung von innen heraus treten, die diese Nation in die internationale Verantwortung führt. Nur durch eine solche Selbstbefreiung vom eigenen Trauma kann Deutschland innerlich gefestigt auch nach außen ohne Halbherzigkeiten für die Freiheit wirken.

In der Nachkriegszeit definierte sich deutsche Verantwortung in der Welt vor allem als Passivität: geringstmögliche Ambitionen, allgemeine Zurückhaltung. Dies passte zur Scham des Tätervolkes, welches sich selbst unheimlich geworden war, nachdem es endlich begriffen hatte, welche Verbrechen es begangen hatte.

Wenn Misstrauen zur Tugend wird

Das Misstrauen gegen sich selbst wurde zur Tugend. So sehr, dass viele Deutsche überrascht sind, wenn der polnische Außenminister Radoslav Sikorski sagt, nicht die Umtriebigkeit der Deutschen mache ihm Angst, sondern die außenpolitische Untätigkeit. Die Polen, die unter Hitlers Soldaten litten wie - mit der Sowjetunion - kein anderes Land, wünschen sich ein starkes Deutschland?

Den Deutschen fällt es schwer, diese Botschaft anzunehmen. Das Trauma der eigenen Geschichte bleibt wirksam. Es ist in der außen- und sicherheitspolitischen Debatte stets präsent und führt zu schweren Verirrungen, wie die deutsche Libyen-Politik gezeigt hat. Deutsche fürchten, dass ihr Mitmischen in der Welt doch wieder dem Falschen dienen könnte. Deswegen gilt ihnen Raushalten als bessere Option, zumal bei allen militärischen Fragen.

Diese vermeintliche Unschuld aus dem historischen Schuldbewusstsein heraus stand jedoch nur dem moralisch bankrotten Nachkriegsdeutschland gut zu Gesicht. Für das europäisch und transatlantisch integrierte und demokratisch bewährte Deutschland erzeugt diese Außenseiterrolle das Gegenteil dessen, was sie ersehnt: Misstrauen statt Vertrauen, Vorbehalt statt Freundschaft, moralischen Zwiespalt statt Klarheit.

Das blutige Ende des Weltenbrandes

mehr...