Eine Reportage von Thorsten Denkler, Berlin

Wie Kinder deutscher und türkischer Herkunft an einer Gesamtschule in Berlin-Kreuzberg das Fach Politik ganz selbstverständlich auf Türkisch erleben.

Maria, 18, liest die Frage an der Tafel. Es ist Donnerstagmorgen, kurz nach acht. Auf dem Plan steht PW. "PW" steht für Politische Wissenschaften. Die Frage, die ihre Lehrerin Nalan Kılıc, 38, an die Tafel geschrieben hat, lautet: "Almanya'da Türk üniversiteleri ve liseleri acalım mi?"

Politik-Lehrerin Nalan Kilic vor Ihrer deutsch-türkischen Europaklasse in Berlin Kreuzberg. Foto: Denkler

Politik-Lehrerin Nalan Kilic vor ihrer deutsch-türkischen Europaklasse in Berlin-Kreuzberg. (© Foto: Denkler)

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Maria weiß, was das bedeutet. Seit sie in der Schule ist, lernt sie Türkisch. Erst an der Aziz-Nesin-Grundschule in Berlin-Kreuzberg, jetzt in der deutsch-türkischen Europaklasse der benachbarten Carl-von-Ossietzky-Oberschule. Es ist ein aktuelles Thema, dass die Lehrerin Nalan Kılıc für die Stunde aufgegriffen hat: "Sollen wir in Deutschland türkische Universitäten und Schulen gründen?" - "Almanya'da Türk üniversiteleri ve liseleri acalım mi?"

Maria sitzt mit ihren vier Klassenkameradinnen Zeynep, Aylin, Bircan und Betü in der ersten Reihe im Raum PW31. Sie ist die einzige mit etwas helleren Haaren, die sie streng zu einem Dutt über dem grau-beigen Kapuzenpulli gebunden hat. Drei Schüler fehlen heute: Paul, Fatma und Songül.

Hohe Kunst: Lustig sein in einer anderen Sprache

Für Maria und Paul ist Türkisch die Fremdsprache. Damit gehören sie zur Minderheit an der Schule - aber das ist hier kein Problem. "Beide sind schon so weit, dass sie auch türkischen Humor verstehen", sagt Nalan Kılıc. Das gilt als die hohe Kunst: lustig sein in einer anderen Sprache.

Nalan Kılıc steht vor ihrer Klasse und gibt eine kleine Einführung in das Thema, auf Türkisch. Das ist in PW sozusagen Amtssprache, wie für ein halbes Dutzend weiterer Fächer in der Europaklasse der Ossietzky-Oberschule. Alle anderen Fächer werden in Deutsch abgehalten.

Es gibt auch klassischen Sprachunterricht in beiden Sprachen. Eine von beiden Sprachen kann als Schwerpunktsprache gewählt werden. Das bedeutet: Mehr Stunden Unterricht pro Woche als in der sogenannten Partnersprache.

Wer nicht Türkisch kann, versteht von Nalan Kılıcs Einführung so viel: Erdoğan, Deutschland, Merkel, Universitäten. Immerhin.

Nicht Deutsche, nicht Türkin. Berlinerin.

Nalan Kılıc muss sich strecken, wenn sie oben an der Tafel etwas anschreibt. Sie trägt ihre tiefschwarzen Haare kurz. Sie sind mit Gel in Form gebracht. Eine Frisur, die bei Frauen türkischer Abstammung selten zu sehen ist. Auf der Nase eine randlose Brille, schwarzer Pullover, Bluejeans und schwarzlackierte Fingernägel.

Türkisch als Unterrichtssprache, da musste auch sie noch Einiges dazu lernen. Nalan Kılıc ist in Deutschland geboren, in Berlin-Wedding. Sie ist mit der türkischen Sprache aufgewachsen. Aber das heißt noch lange nicht, perfekt Türkisch sprechen zu können. Obwohl ihre Eltern aus der Türkei stammen.

Manchmal sagt sie "genau", wenn eine ihrer Schülerinnen etwas gut gemacht hat, und redet dann auf Türkisch weiter. "Ich bin Berlinerin", sagt sie von sich. Nicht Deutsche, nicht Türkin. Berlinerin.

Abitur mit Bestnoten

Die Schülerin Aylin fragt nach der Schreibweise eines türkischen Wortes. Das ist nicht ungewöhnlich. Auch sie ist in Deutschland geboren. Da hat sie nicht jedes Wort sofort parat. An der Tafel stehen schon zwei Fremdwörter: entegrasyon und asimilasyon - Integration und Assimilation.

"Zu Hause und auf der Straße lernen wir Umgangstürkisch", sagt Aylin später. In der Schule aber geht es um Hochtürkisch. Wenn sie über den Schulhof geht, sagt die Schülerin, dann hört sie inzwischen, wie schlecht ihre türkischstämmigen Mitschüler ihre Muttersprache beherrschen.

Kleine Abstimmung: "Brauchen wir türkische Schulen in Deutschland?", fragt Nalan Kılıc, die Pädagogin. Zur Wahl stehen evet (ja), hayır (nein) und tarafsız (unentschlossen). Die Schülerinnen heben jeweils die Hand. Das Ergebnis schreibt Nalan Kılıc an die Tafel: Maria und zwei andere wollen keine türkischen Schulen, Bircan ist dafür, Betü sagt, es gibt viele Argumente dafür und dagegen.

Die Carl-von-Ossietzky-Oberschule ist eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Die integrierte deutsch-türkische Europaklasse ist ein vom Berliner Senat gefördertes Modellprojekt. Das bedeutet: beste Ausstattung. Auf 30 Schüler kommen knapp zwei Lehrer. Die Stunden werden oft geteilt. Ein Lehrer, 15 Kinder. Ein perfektes Betreuungsverhältnis. Die Lehrer haben größte Freiheiten in der Unterrichtsgestaltung. Sie dürfen probieren was geht und was nicht geht.

Im kommenden Schuljahr werden die ersten Europaklässler Abitur machen, die meisten auf Türkisch. Voraussichtlich mit Bestnoten. In fast allen Fächern sind die Schüler hier unter den ersten zehn der Schule. Ob Geschichte oder Erdkunde auf Deutsch oder Türkisch unterrichtet wird, ist dabei nebensächlich. Die Inhalte bleiben ja gleich. Und spätestens ab der elften Klasse sollen die Jugendlichen beide Sprachen auf gleich hohem Niveau sprechen.

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