Damit hat sich der Kreis von den Polenwitzen zur deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs geschlossen, die auf eine Vernichtung Polens als Kulturvolk hinauslaufen sollte. Denn in dieser Art von Witzen, die - einmalig in Europa - ein ganzes Volk kriminalisieren, sehen manche Psychologen einen unbewussten Entlastungsmechanismus für die deutsche Schuld, nach dem Motto: ,,Wenn die Polen klauen, so kann es doch nicht so schlimm gewesen sein, dass unsere Großväter sie im Krieg ein wenig diszipliniert haben.''
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Jedenfalls stellen die deutschen Polenwitze das polnische Selbstbild als ,,Volk der Helden und Opfer'' auf den Kopf. Auch die Nachkriegsgenerationen in Polen identifizieren sich mit den Opfern der Besatzung. Die Versuche, Polen pauschal als lächerlich oder gar als kriminell darzustellen, werden daher als Verhöhnung einer Opfernation angesehen.
In den Niederungen
Allerdings argumentieren deutsche Politologen, dass mit dem Generationswechsel in der Bundesrepublik diese Rollenverteilung nicht mehr funktioniert. Die Enkel identifizieren sich nicht mit den Tätern der Nazi-Zeit, sondern verurteilen sie und sehen die heutigen Polen nicht als Opfer an.
Dieses Fallenlassen der Rücksichtnahme auf Befindlichkeiten hat seinen extremen Ausdruck auch in den Polenwitzen gefunden, die Harald Schmidt Mitte der 90er Jahre vorübergehend salonfähig machte. Aber nach einem Gespräch mit dem polnischen Botschafter Andrzej Byrt und nach Protesten der deutschen Medien strich Schmidt den ,,täglichen Polenwitz'' wieder aus seinem Programm.
Wie sehr das Thema die Polen nach wie vor beschäftigt, zeigte ein groß aufgemachter Bericht des Magazins Wprost. Der Autor behauptete, Polenwitze seien in Deutschland flächendeckend Alltag. Der Artikel wurde mit einem großen Foto von Schmidt illustriert, der seit zehn Jahren öffentlich keinen Polenwitz mehr erzählt hat, was unerwähnt blieb. Der Leser erfuhr ebenso wenig, dass kein seriöses Medium in der Bundesrepublik derartige Witze verbreitet.
Stattdessen vermittelte Wprost den Eindruck, als sei die Herabsetzung von Polen ein allgemein akzeptiertes Thema der deutschen Gesellschaft. In Wirklichkeit haben Polenwitze heute nur noch in den Niederungen des deutschen Humors Konjunktur, etwa beim Kölner Karneval oder bei Mike Krüger. Der deutschen Elite in Politik und Kultur aber sind sie peinlich. Steffen Möller, der in Warschau lebende deutsche Kabarettist, sagt denn auch ganz ernsthaft: ,,Sie sagen eigentlich mehr über Unzulänglichkeiten der Deutschen als der Polen aus. ''
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(SZ vom 27.8.2007)
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Polenwitze sind übrigens nur die Spitze eines Eisbergs. Der egentliche Eisberg heisst : ORIENTALISMUS. Eine Denkweise, die sich durch binäre Oppositonen auszeichnet. In den orientalistischen Spiegel erscheint Polen/Nichteuropa immer als das verkehrte Bild von Deutschland/Europa. Zu einigen binären Oppositionen gehören z.B: rational-irrational, intelektuell-emotional, städtisch-ländlich, arm-reich, gebildet-ungebildet, kann schreiben- analphabet, diszipliniert-triebhaft, sauber-dreckig, Kultur-Natur, zahm-wild, modern-archaisch, reif-unreif, Erwachsener-Kind,
Woanders (u.a. bei meinem Freund Kajetan Mlynarski, der Philosoph ist) wird die denkweise als: "zweiwertige (binäre) Logik mit einem absoluten distinktiven/ hervorgehobenen Wert und einer absoluten Negation bezeichnet. Die absolute Distinktion (Hervorhebung, Unterscheidung) besteht darin, dass nur ein Wert etwas Positives darstellt, nur diesen Wert gibt es wirklich, der andere Wert (das zweite Glied der Oppostion) ist nur alles, was veschieden ist, was nicht der erste Wert ist" Ich kann z.B. sagen: Ich weiss zwar nicht, wie es in Polen aussieht, aber mit Sicherheit weiss ich, das es das Gegenteil von Deutschland ist. Damit glabube ich etwa zu wissen, in Wirklichkeit weiss ich über in diesem Fall Polen gar nichts. Mit der absoluten Negation öffnet sich ein wahrer Kosmos der (Anti)Wissens über den Orient. "Wir haben in diesem Fall mit einer der stärksten Techniken der Pflege des Unbewußseins."
@ Erebus
Selbstwertproblem =Bingo!!! (Bingo in polnischer Umgangssprache = eine punktgenau zutreffende Beantwortung bzw. Lösung einer Frage).
Bingo für die Deutschen, wegen ihrer verkomplizierten Geschichte, voll von Erfolgen und Glanz eines europäischen Riese, aber auch von darauf folgenden kaum verständlichen Niederlagen und Demütigungen (manchmal auch Eigentoren), mit Bach, Beethoven & Goethe auf einer Schale und Hitler & Co. auf der anderen.
Bingo für die Polen, wegen ihrer ebenfalls verkomplizierten Geschichte, voll von Erfolge und Glanz, aber auch von darauf folgenden mehr oder weniger verständlichen Niederlagen und Demütigungen (manchmal auch Eigentoren).
Bingo für die beiden Nationen, für ihre gemeinsame Rolle des hoch entwickelten Westens für einige andere Völker und des Ostens für die anderen.
Sowohl uns Polen als auch unseren Nachbarn Deutschen würde ich gerne mehr Selbstkritik und insbesondere Selbstironie vorschreiben. Selbstironie auch in der Form der grösseren Toleranz auf die nachbarischen Witze.
P.S. Den Deutschen als der Partei, der aus verschiedensten historisch bedingten Gründen z.Zt. besser geht und die sich selbst als stärker, reicher, schlauer, mehr demokratisch usw. sieht würde ich aber zusätzlich auch ein bisschen Umsicht gegenüber die anderen verschreiben.
Ein Transparent während des Spiels D-PL während Fußball-WM (sinngemäß) "Im Jahre 1939 brauchten wir dafür 4 Wochen, heute brauchen wir nur 90 Minuten" wird sicherlich als eine gute Witze gelten, erst aber nach weiteren 30 Jahren...
Dieser Artikel hatte nicht zum Ziel, dass wir einander alles mögliche vorwerfen, sondern vielmehr zu zeigen, wie ähnlich wir einander sind. Und das Kritiken nicht mit Vorwürfen verwechselt werden sollen.
Es stimmt das Deutsche wie Polen (in welchen Landesgrenzen auch immer) Fehler begangen haben und auch das ein Leid ein anderes nicht aufwiegen kann. Sich diese gegenseitig vorzuwerfen, bis man die Frage nach Henne und Ei beantwortet hat, bringt aber niemanden weiter.
Mir scheinen die Polen, wenn ich die aktuelle Debatte und auch hier die Forenbeiträge lese, ein Selbstwertproblem zu haben. Das wir Deutschen das haben ist ohnehin allseits bekannt.
Die jungen Deutschen haben Eltern, die Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, nach dem 2. WK geboren wurden und wollen nicht mit diesem in Verbindung gebracht werden, die Polen hingegen wollen nicht loslassen an ihrer Opferrolle, als Staatsbürger eines immer wieder von den Karten verschwundenen Staates.
Jetzt beschuldigen sie einander für Diebstähle ihrer Vorfahren.
Die Polen verweisen darauf "nur ein paar" Menschenleben ausgelöscht zu haben, die Deutschen verweisen darauf, dass viele andere sowas auch schon gemacht haben und denen es nicht vorgeworfen wird.
Besinnen wir uns: Wir alle wollen ein friedliches Miteinander.
Ich hoffe, dass dies durch die EU gefördert wird; ich denke dass sie es bei den "alten" Mitgliedsstaaten getan hat.
(evtl. erscheint dieser Post mehrfach - dies ist keine Absicht, sondern auf ein technisches Problem zurückzuführen)
Wir kommen bald auf die allerwichtigste Frage, wer und wem die Ur-Oma in Kanibalzeiten gefressen oder eine Banane noch auf dem Baum geklaut hat...
Die Richtung, in welche diese Diskussion geht, gelfällt mir leider gar nicht.
Die gar nicht auf die Tatsache bezogenen, böswilligen im Ton Behauptungen, ob Polen Raubkriege führte oder nicht (im Mittelarter oder irgendwann), was Polen unter Leipzig zu tun hatten, gab/gibt es in Polen/Deutschland Diebe usw., schieben uns ja gar nicht nach vorne, weder zur Wahrheit noch zur gegenseitigen Liebe.
Erlaubt mir das Wort ist ja Quatsch wie im Sandkasten... oder im polnischen Sejm z.Zt.
Gruss aus Warschau :)
Paging