Eine Polin hat ihr Kind aus Deutschland entführt. Angeblich, weil sie nicht mit ihm in der Muttersprache habe reden dürfen - auf Anordnung deutscher Behörden.
Für die Tagesschau des staatlichen polnischen Fernsehens TVP ist es eines der wichtigsten Themen dieser Tage, auch sämtliche Zeitungen des Landes berichteten in großer Aufmachung darüber: Eine polnische Mutter hat ihren neunjährigen Sohn, der bei ihrem deutschen Ex-Mann lebte, in Düsseldorf entführt und ist mit ihm untergetaucht. An geheimen Orten gibt sie dem Fernsehen sogar Interviews. Sie sagt, die deutschen Jugendämter hätten ihr den Sohn weggenommen und außerdem verboten, mit ihm Polnisch zu reden.
Grenzen der Nachbarschaft: Deutsche Behörden zeigen nicht immer Feingefühl im Umgang mit dem Nachbarn im Osten. (© Foto: ddp)
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Es ist ein Politikum; vielen Polen gilt dieser Fall als ein weiterer Beleg für die Benachteiligung der in der Bundesrepublik lebenden Polen durch deutsche Behörden. Diese verfolgten eine ebenso arrogante wie rücksichtslose Politik der "Germanisierung". Besonders dadurch, dass sie den Eltern verbieten würden, mit den Kindern Polnisch zu reden.
Verbotene Sprache
Das Thema bewegt die polnische Öffentlichkeit in hohem Maße, denn die Gesellschaft hat schmerzliche Erfahrungen mit dem Verbot der Muttersprache gemacht. Unter Bismarck wurde Polnisch im preußischen Teilungsgebiet diskriminiert, es gab keinen Polnisch-Unterricht in den Schulen, abgesehen von den Religionsstunden.
Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg war der öffentliche Gebrauch der Sprache in den an das Reich angeschlossenen Regionen völlig verboten, und in den zum "Generalgouvernement" zusammengeschlossenen anderen Gebieten Polens war das gesamte Bildungssystem zerschlagen. Es gab weder Schulen, noch Kinos oder Theater für die Polen, die laut SS-Führer Heinrich Himmler ein Sklavenvolk seien und nur bis 500 zählen lernen sollten.
Diesen Hintergrund muss man kennen, um zu verstehen, dass in Polen jene Berichte ein so großes Thema geworden sind, in denen behauptet wird, deutsche Jugendämter hätten polnischen Eltern den Umgang mit ihren Kindern in der Muttersprache verboten. In der Tat gab es solche Fälle: Unter anderem wurden sie damit begründet, dass die Eltern - die nur noch unter Behördenaufsicht Kontakt mit ihren Kindern haben durften - in polnischer Sprache mit den Kindern Entführungen hätten vorbereiten können, ohne dass die deutschen Behörden dies hätten erkennen können.
In einigen dieser Fälle, so räumt man im Auswärtigen Amt in Berlin ein, wurden offenbar Fehler gemacht. Manche Entscheidungen wurden kaltherzig getroffen. So erklärten denn auch deutsche Regierungsvertreter, man müsse eine europäische Regelung finden, die jedem EU-Bürger das Recht garantiert, mit den eigenen Kindern in der Muttersprache zu sprechen. Denn das Problem betrifft nicht nur Deutsche und Polen, sondern auch viele andere Bürger Europas, deren binationale Ehen zerbrochen sind.
"Jugendamt" - ein Schlagwort in polnischen Debatten
Auch Justizministerin Zypries thematisierte bereits vor einem Jahr die sogenannten Sprachverbote. Allerdings sind den polnischen und deutschen Behörden insgesamt nur acht strittige Fäll bekannt. Und so stößt in der Bundesrepublik die von polnischen Medien vorgenommene Gleichsetzung der NS-Germanisierungspolitik mit umstrittenen Anordnungen von Jugendämtern auf völliges Unverständnis.
Doch bleibt der Begriff "Jugendamt" ein Schlagwort in den Debatten der polnischen Rechten. Wohlgemerkt ist dies nicht die offizielle Politik Warschaus. Regierungschef ist seit einem Jahr der liberalkonservative Donald Tusk, in dessen Augen die Kooperation mit den deutschen Nachbarn im Interesse Polens liegt. Es ist das nationalkonservative Lager um den ehemaligen Regierungschef Jaroslaw Kaczynski, das mit Hilfe polnischer Medien - auch des Senders TVP - den Premierminister Donald Tusk in der Deutschland-Politik unter Druck setzt.
Eine Rolle spielen hierbei die Erfahrungen, die viele Polen mit deutschen Amtsträgern gemacht haben. Ganz zweifellos wurden Polen in den neunziger Jahren in deutschen Behörden überwiegend herablassend behandelt. Dies hat sich spürbar geändert, seitdem die Politik die Brisanz dieser Verhaltensweisen im Alltag erkannt hat. Doch herrscht noch längst nicht in allen Amtsstuben ein freundlicher Umgangston, was sicherlich auch für manche Jugendämter gilt.
Da die Jugendämter nicht der Bundesregierung unterstehen, kann das Auswärtige Amt nur an deren Leiter appellieren, bei gescheiterten Ehen den ausländischen Elternteilen weitmöglichst entgegenzukommen. Dass es aber eine Berliner "Germanisierungspolitik" gegenüber Polen gebe, weisen die Amtssprecher als grotesk zurück. Sie könnten auch daran erinnern, dass von den rund 120000 deutsch-polnischen Ehen nur 9500 geschieden worden sind. Was bedeutet, dass sie deutlich stabiler sind als die deutsch-deutschen.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 22.11.2008/hai)
Protest gegen dritte Startbahn
Hallo Jan,
also es macht nichts aus, das deutschprachige Kinder im damaligen preußischen Teilungsgebiet (Westpreußen - heute Pommern und Kujawien -, Posen), keinen deutschen Untericht und keine evangelische Reliogionslehre an den Grundschulen bekamen, sondern nur auf polnisch unterrichtet wurden! Immerhin waren rund 40% der dort jahrhundertelang lebenden Bevölkerung deutschstämmig. Kann man ja ignorieren!
Und wenn diese vorangegange Dislriminierung durch eine andere Diskriminierung ersetzt wird, dann ist es üble Germanisierung - vorher war es gerechtfertigte Polonisierung.
Aber, wenn zwei das Gleiche tun, dann ist es noch lange nicht das Selbe
An Carsten Wiebers
Sie schreiben:
...Gravierender war, dass Deutsch als Amts- und ausschließliche Gerichtssprache vorgeschreiben war...
Wenn ich Sie richtig verstanden haben - es ist nett, dass Sie für die Diskriminierung (Unterrichtsverbot) der polnischen Sprache im besetzten Polen eine Begründung parat haben. Toll, dass man in Deutschland so oft, auch bei einem Unfug, eine Begründung hat. In Polen ist Polnisch die Amts- und Gerichtssprache, die Polen brauchten damals wie üblich Polnischunterricht in den Schulen. Da es sich um eine minderwertige Sprache handelt, wurde mehrfach durch Deutschland auch nach Bismarck bestätigt. Es ändert nichts an der Tatsache, dass es sich dabei und danach um Germanisierung handelt.
Aus dem Artikel:
Das Thema bewegt die polnische Öffentlichkeit in hohem Maße, denn die Gesellschaft hat schmerzliche Erfahrungen mit dem Verbot der Muttersprache gemacht. Unter Bismarck wurde Polnisch im preußischen Teilungsgebiet diskriminiert, es gab keinen Polnisch-Unterricht in den Schulen, abgesehen von den Religionsstunden
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Ein wichtiger Hinweis sei schon erlaubt.
Bismark verfügt den durchgängigen Deutschuntericht in den Schulen des polnischen Teilungsgebiets (also in den preußischen Provinzen Westpreußen und Posen), nachdem zuvor selbst deutschstämmigen KIndern in diesen Gebieten ausschließlich nur noch durchgängiger Polnischer Schulunterricht angeboten wurde. Zudem wurden diese Schulen von katholischen Geistlichen betrieben (es gab kaum evangelischen Schulen).
Bismark hat daraufhin auch diese Schulen unter staatliche Aufsicht und Leitung gestellt und den deutschsprachigen Unterricht verfügt. Sein Ziel war es auch, dass die polnischen "Untertanen" mangels genügender Deutschkenntnisse nicht ausschließlich aus Dritter Hand (Er unterstellte da eine antipreußische Tendenz) informiert würden, sondern sich auch aus Erster Hand (also aus deutschen Publikationen) informieren sollten.
Gravierender war, dass Deutsch als Amts- und ausschließliche Gerichtssprache vorgeschreiben war.