Deutsch-polnische Irritationen Angst vor Germanisierung

Eine Polin hat ihr Kind aus Deutschland entführt. Angeblich, weil sie nicht mit ihm in der Muttersprache habe reden dürfen - auf Anordnung deutscher Behörden.

Von Thomas Urban

Für die Tagesschau des staatlichen polnischen Fernsehens TVP ist es eines der wichtigsten Themen dieser Tage, auch sämtliche Zeitungen des Landes berichteten in großer Aufmachung darüber: Eine polnische Mutter hat ihren neunjährigen Sohn, der bei ihrem deutschen Ex-Mann lebte, in Düsseldorf entführt und ist mit ihm untergetaucht. An geheimen Orten gibt sie dem Fernsehen sogar Interviews. Sie sagt, die deutschen Jugendämter hätten ihr den Sohn weggenommen und außerdem verboten, mit ihm Polnisch zu reden.

Es ist ein Politikum; vielen Polen gilt dieser Fall als ein weiterer Beleg für die Benachteiligung der in der Bundesrepublik lebenden Polen durch deutsche Behörden. Diese verfolgten eine ebenso arrogante wie rücksichtslose Politik der "Germanisierung". Besonders dadurch, dass sie den Eltern verbieten würden, mit den Kindern Polnisch zu reden.

Verbotene Sprache

Das Thema bewegt die polnische Öffentlichkeit in hohem Maße, denn die Gesellschaft hat schmerzliche Erfahrungen mit dem Verbot der Muttersprache gemacht. Unter Bismarck wurde Polnisch im preußischen Teilungsgebiet diskriminiert, es gab keinen Polnisch-Unterricht in den Schulen, abgesehen von den Religionsstunden.

Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg war der öffentliche Gebrauch der Sprache in den an das Reich angeschlossenen Regionen völlig verboten, und in den zum "Generalgouvernement" zusammengeschlossenen anderen Gebieten Polens war das gesamte Bildungssystem zerschlagen. Es gab weder Schulen, noch Kinos oder Theater für die Polen, die laut SS-Führer Heinrich Himmler ein Sklavenvolk seien und nur bis 500 zählen lernen sollten.

Diesen Hintergrund muss man kennen, um zu verstehen, dass in Polen jene Berichte ein so großes Thema geworden sind, in denen behauptet wird, deutsche Jugendämter hätten polnischen Eltern den Umgang mit ihren Kindern in der Muttersprache verboten. In der Tat gab es solche Fälle: Unter anderem wurden sie damit begründet, dass die Eltern - die nur noch unter Behördenaufsicht Kontakt mit ihren Kindern haben durften - in polnischer Sprache mit den Kindern Entführungen hätten vorbereiten können, ohne dass die deutschen Behörden dies hätten erkennen können.

In einigen dieser Fälle, so räumt man im Auswärtigen Amt in Berlin ein, wurden offenbar Fehler gemacht. Manche Entscheidungen wurden kaltherzig getroffen. So erklärten denn auch deutsche Regierungsvertreter, man müsse eine europäische Regelung finden, die jedem EU-Bürger das Recht garantiert, mit den eigenen Kindern in der Muttersprache zu sprechen. Denn das Problem betrifft nicht nur Deutsche und Polen, sondern auch viele andere Bürger Europas, deren binationale Ehen zerbrochen sind.

"Jugendamt" - ein Schlagwort in polnischen Debatten

Auch Justizministerin Zypries thematisierte bereits vor einem Jahr die sogenannten Sprachverbote. Allerdings sind den polnischen und deutschen Behörden insgesamt nur acht strittige Fäll bekannt. Und so stößt in der Bundesrepublik die von polnischen Medien vorgenommene Gleichsetzung der NS-Germanisierungspolitik mit umstrittenen Anordnungen von Jugendämtern auf völliges Unverständnis.

Doch bleibt der Begriff "Jugendamt" ein Schlagwort in den Debatten der polnischen Rechten. Wohlgemerkt ist dies nicht die offizielle Politik Warschaus. Regierungschef ist seit einem Jahr der liberalkonservative Donald Tusk, in dessen Augen die Kooperation mit den deutschen Nachbarn im Interesse Polens liegt. Es ist das nationalkonservative Lager um den ehemaligen Regierungschef Jaroslaw Kaczynski, das mit Hilfe polnischer Medien - auch des Senders TVP - den Premierminister Donald Tusk in der Deutschland-Politik unter Druck setzt.

Eine Rolle spielen hierbei die Erfahrungen, die viele Polen mit deutschen Amtsträgern gemacht haben. Ganz zweifellos wurden Polen in den neunziger Jahren in deutschen Behörden überwiegend herablassend behandelt. Dies hat sich spürbar geändert, seitdem die Politik die Brisanz dieser Verhaltensweisen im Alltag erkannt hat. Doch herrscht noch längst nicht in allen Amtsstuben ein freundlicher Umgangston, was sicherlich auch für manche Jugendämter gilt.

Da die Jugendämter nicht der Bundesregierung unterstehen, kann das Auswärtige Amt nur an deren Leiter appellieren, bei gescheiterten Ehen den ausländischen Elternteilen weitmöglichst entgegenzukommen. Dass es aber eine Berliner "Germanisierungspolitik" gegenüber Polen gebe, weisen die Amtssprecher als grotesk zurück. Sie könnten auch daran erinnern, dass von den rund 120000 deutsch-polnischen Ehen nur 9500 geschieden worden sind. Was bedeutet, dass sie deutlich stabiler sind als die deutsch-deutschen.