Ein Kommentar von Thorsten Denkler, Berlin

Weil die Delegierten der CDU Deutsch im Grundgesetz sehen wollen, regt sich die Republik auf. Dabei weiß jeder: Der Beschluss wird nie und nimmer umgesetzt.

Ein blöde Idee wird in der Regel nicht dadurch besser, dass ein Bundesparteitag sie beschließt. Die CDU darf das jetzt erleben. Am frühen Dienstagmorgen haben die christdemokratischen Delegierten in Stuttgart mehrheitlich einen Antrag aus dem Saarland beschlossen: In Deutschland wird deutsch gesprochen - und das muss ins Grundgesetz.

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In Baden-Württemberg hat die CDU Deutsch gewählt. (© Foto: dpa)

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Die Idee ist ungefähr so schlau wie der Vorschlag, jeden morgen wird es hell in Deutschland und nachts ist es dunkel in die Verfassung zu schreiben.

Zu Recht hat auch die Kanzlerin interveniert, dass nicht alles im Grundgesetz stehen müsse. Schon gar nicht das offensichtliche, unvermeidliche und selbstverständlich Gegebene. Es gibt Mann und Frau, Tiere und Menschen, unterschiedliche Sprachen, all das Bedarf keiner grundgesetzlichen Regelung.

Zudem dürfte klar sein: Die Umsetzungswahrscheinlichkeit ist gleich null. Nicht nur, dass es für eine Grundgesetzänderung keine Zwei-Drittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat gibt. Nach Merkels Intervention wird auch in der CDU-Spitze niemand aktiv werden.

Es wird keinen Fraktionsbeschluss geben, keinen Beschluss im Bundesrat und keinen Kabinettsbeschluss, der den Deutschen sagt, dass sie schon vom Grundgesetz her deutsch zu sprechen hätten. Die Amtssprache ist Deutsch. Das sollte reichen.

Wie kann es dann zu so einem Beschluss kommen? Zum einen, es gibt kaum einen Parteitag, auf dem die Delegierten nicht versuchen, ein wenig die Chefs zu ärgern. Parteitage sind leider längst keine Orte offener Debatten mehr. Geschlossenheit ist oberstes Gebot. Da suchen sich Delegierte gerne ein Ventil bei unbedeutenden Anträgen. Allerdings: Zuweilen mit fataler öffentlicher Wirkung.

Das haben die Grünen erlebt mit ihrem Beschluss, der Benzinpreis müsse auf damals fünf Mark steigen. Das kennt die SPD vom Hamburger Parteitag im vergangenen Jahr, als die Delegierten ein Tempolimit auf Autobahnen beschlossen. Beides höchst unpopuläre Entscheidungen, die der Partei höchst unangenehme Debatten beschert haben.

Allerdings gibt es einen Unterschied zum Sprachbeschluss der CDU. Die Parteitage von Grünen und SPD waren zum Zeitpunkt der Beschlüsse im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte.

Das zumindest kann am frühen Dienstagmorgen vom CDU-Parteitag nicht zwingend behauptet werden.

Am Abend zuvor hatten die Delegierten bis tief in die Nacht ihren feuchtfröhlichen Parteiabend gefeiert. Viele waren deshalb am nächsten Morgen noch gar nicht im Plenum, als der Antrag abgestimmt wurde. In solchen Momenten bekommen dann die eine Chance, die in eigener Sache früher aufgestanden sind. Das Bauchgefühl gewinnt dann gerne Oberhand über die von Merkel in anderen Zusammenhängen mehrfach angemahnte "praktische Vernunft".

Zugestanden werden muss, dass der Beschluss durchaus das Bauchgefühl vieler in der Union trifft. Die CDU ist immer noch eine konservative Partei. Hier ist die deutsche Sprache mehr als nur der technische Verständigungscode einer Interessengemeinschaft. Sie stiftet Identität, Gemeinschaft.

Das ist nicht verkehrt. Aber die Delegierten hätten besser daran getan, ihren Kopf einzuschalten. Dann hätten sie die Förderung der deutschen Sprache beschlossen, oder kostenlose Deutschkurse für alle. Ob für Türken, Inder, Baden-Württemberger oder Saarländer.

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(sueddeutsche.de/lala)