Unter den Franzosen keimt plötzlich so etwas wie Leidenschaft für Deutschland auf. Doch noch hat die Bundesregierung Angst, nur für die nächste Sarko-Show benutzt zu werden.
Franzosen, die sich nicht für Deutschland interessieren, haben es schwer in ihrem Land. Seit der Bundestagswahl quellen die Medien über von Berichten über den Nachbarn. Der Jahrestag des Mauerfalls am Montag bietet weiteren Anlass für Dossiers, Kommentare und Reportagen, die vom Doping in der DDR bis zum Schicksal der Sorben reichen. Die Internet-Seite des Figaro fordert die Franzosen auf: "Testen Sie Ihre Kenntnisse über die Berliner Mauer."
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Nicolas Sarkozy schüttelt Hände während eines Besuchs in Deutschland. (© Foto: dpa)
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Auch die Politik schürt die Leidenschaft für Deutschland. Alle paar Tage kündigen Präsident Nicolas Sarkozy und Europa-Staatssekretär Pierre Lellouche große Dinge im bilateralen Verhältnis an. Außerdem öffnet Frankreich seine Archive zum Thema Mauerfall; und Lellouche entschuldigt sich, weil die politische Klasse in Paris einst wenig begeistert auf die Wiedervereinigung reagierte.
Dafür wird am Montag auf der Place de la Concorde ein Multimedia-Spektakel zum Mauerfall aufgeführt. Zur selben Zeit tritt Sarkozy mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Berlin auf. Zwei Tage später gedenken Merkel und Sarkozy unter dem Triumphbogen in Paris des Ersten Weltkrieges. Sarkozy und seine Leute geben sich begeistert über all die Symbolik.
Trend zur Deutschland-Berichterstattung
Fragt man jedoch nach, was sich ändern werde im deutsch-französischen Verhältnis, wird man auf das kommende Jahr vertröstet. Entsprechend zurückhaltend reagiert die Bundesregierung auf die Liebesgrüße aus Paris. Sie fürchtet, als Resonanzboden für eine neue Sarko-Show herhalten zu müssen.
Was also ist dran an der neuen "Entente franco-allemande", von der Lellouche schwärmt? In den Medien gebe es wirklich einen starken Trend zur Deutschland-Berichterstattung, findet Joerg Wolff, der Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung in Paris. Zudem sei die bilaterale Beziehung inzwischen "ein persönliches Anliegen Sarkozys". Die Tatsache, dass Guido Westerwelle (FDP) in dieser Woche in Paris gleich vom Präsidenten, vom Premier und vom Außenminister empfangen wurde, spreche für sich.
Sarkozy wolle die bilaterale Freundschaft mit neuen Ideen ausfüllen. Nur: Welche das sein sollen, darüber rätselt auch Wolff. Deshalb lässt er nun Experten erkunden, was die zwei Länder künftig miteinander anfangen könnten.
Henri de Bresson ist da nicht bange. Er kennt die Bundesrepublik aus seinen Korrespondentenjahren in Bonn und Berlin und als Europa-Chef der Zeitung Le Monde. Nun erwartet er, dass Deutschland und Frankreich den Lissabon-Vertrag der EU nutzen, um eine europäische Außen-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik aufzubauen. Er glaubt nicht, dass die kleinen EU-Staaten Angst vor den beiden Großen haben, sondern dass sie vielmehr deren Führung fordern. Berlin und Paris müssten wieder vorangehen, auch weil niemand wisse, was aus Großbritannien nach dem erwarteten Wahlsieg der euroskeptischen Torys werde.
"Sarkozy hat verstanden"
De Bresson findet es normal, dass Sarkozy und Merkel zu Beginn ihrer Beziehung eher schlecht miteinander ausgekommen sind. Auch der frühere Kanzler Gerhard Schröder (SPD) habe den Wert des Bündnisses zunächst unterschätzt. So wie damals die Irakkrise Berlin und Paris wieder zusammenzwang, tue dies nun die Finanzkrise. "Unsere französischen Medien merken, dass Frankreich seine Probleme nicht mehr allein bewältigen kann. Und Sarkozy hat verstanden: Europa lässt sich nicht im Alleingang gestalten", sagt de Bresson.
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(SZ vom 07.11.2009/jab)
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