Tod des Al-Qaida-Chefs Bin Ladens Erbe

Der Tod des Al-Qaida-Chefs bedeutet vielleicht das Ende des Feldzugs gegen den Rest der Welt, nicht aber das Ende des militanten Islamismus. Will der Westen den Aufstieg neuer Dschihadisten verhindern, muss er für gerechte Verhältnisse in der muslimischen Welt sorgen - und auch eine islamische Form der Demokratie akzeptieren.

Von Tomas Avenarius

Offiziell war es eine Seebestattung, aber es hatte mehr von der Verklappung politischen Sondermülls: US-Soldaten haben die Leiche des Al-Qaida-Führers Osama bin Laden ins Meer geworfen. Das ist hässlich, aber nachvollziehbar; das Grab des Terrorfürsten hätte zur Pilgerstätte seiner Anhänger werden können. Nur: Hinterlässt Bin Laden der arabisch-islamischen Welt etwas, woran sie festhalten möchte?

Gesicht des Terrors

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Die meisten Muslime lehnen den Feldzug der Qaida-Selbstmordattentäter ab, verabscheuen Anschläge auf Zivilisten. Am permanenten Krieg der Gläubigen gegen den Rest der Welt ist kaum einer interessiert - in Ägypten nicht, und nicht in Saudi-Arabien oder Afghanistan. Was Bin Laden als politische Praxis predigte, stieß bei wenigen auf Gegenliebe. Als Offiziere folgten dem Terror-Emir Frustrierte, wie die saudischen Todespiloten des 11. September, die in Hamburg nicht zurechtkamen und im Bin-Laden-Islam ihr Heil suchten. Als Fußvolk stellten sich zornige junge Männer bereit, die in den übervölkerten Städten der muslimischen Welt ohne Chance auf Zukunft ihr Leben vertun.

Die Mitglieder der Terrortruppe allein machen das Phänomen al-Qaida aber nicht aus. Warum taten so viele Muslime sich schwer mit der Verurteilung der Anschläge vom 11. September? Lieber bemühten sie die US-Nahostpolitik als Erklärung für ein Jahrhundertverbrechen, verwiesen auf den Umgang Israels mit den Palästinensern, sprachen von gerechter Strafe für "den Westen". Teile der Bin-Laden-Botschaft waren arabischer Mainstream. In seinen Internet-Erklärungen sagte der Saudi, was die Mehrheit denkt.

Heimliche Zustimmung zu Bin Laden

Der Al-Qaida-Führer nannte das saudische Königshaus mit seinen Tausenden Ferrari-fahrenden Prinzen "dekadent und korrupt". Er hatte recht. Er sah im Irak-Krieg nicht die Befreiung von einer Diktatur, sondern den US-Überfall auf einen souveränen Staat. Auch das traf, zumindest in Teilen, die Wirklichkeit. Der Islam-Autodidakt höhnte über die Religionsgelehrten der Kairoer Al-Azhar-Universität, weil sie im Sold des Mubarak-Regimes nach dessen Vorgabe predigten. Vor allem warf er Washington vor, auf Kosten der Palästinenser Nahost-Politik zugunsten Israels zu betreiben. Auch das bleibt richtig, bis heute.

Die Kritik des Arabers Bin Laden an den politischen Zuständen im Nahen und Mittleren Osten war nie originell, sondern stets konventionell. Sie traf, im Gegensatz zu seinen Methoden, aber bei vielen auf heimliche Zustimmung. Selbst mit seiner fast manischen Fixierung auf die USA stand er nicht allein. Die meisten Menschen in der arabisch-islamischen Welt haben ein neurotisches Verhältnis zur Coca-Cola-Supermacht. Sie sind hin und her gerissen zwischen der Bewunderung amerikanischen Fortschritts und dem Hass auf die überwältigende Militär- und Finanzmacht, mit der Washington Interessenpolitik betreibt. Also telefonieren sie mit dem iPhone, während sie bei Demonstrationen die US-Flagge in Brand stecken. Sie befürworten freie Wahlen, halten aber fest an Religion und Tradition. Sie wollen keinen Gottesstaat, aber eine halbwegs islamische Form der Demokratie.

All das geht schwer zusammen, erscheint aus westlich-christlicher Sicht als Form der Bewusstseinsspaltung. In den Augen eines Muslims passen Fortschritt und Koran jedoch durchaus zusammen. Die Scharia als Gesetzesquelle ist für ihn nicht der Rückfall ins 7. Jahrhundert. Sie ist göttliches Gebot, das zu allen Zeiten Gültigkeit hat. Man kann darüber reden, wie man dieses anwendet, Handabhacken und Steinigen bleibt die Rechtsform der extrem Verbohrten. Aber die Scharia als solche, die viel mehr ist als nur altertümliches Strafrecht, bleibt für die meisten Muslime zumindest als Bezugspunkt sakrosankt.

Neue Formen des Dschihadismus

Religionen ändern sich nicht im Kern. Sie passen sich nur an. Im Fall des Islam mit seiner von Gott verkündeten Heiligen Schrift ist dies schwieriger als beim Christentum, das Gewalt eindeutiger hinterfragt als der Islam. Der Rückgriff auf radikale Formen ist hier einfacher: Im Koran blätternde Fundamentalisten haben leichtes Spiel mit ihren halbgebildeten Interpretationen göttlichen Rechts.

Wer jubelt, mit dem Tod des Al-Qaida-Chefs stehe man vor dem Sieg über den militanten Islam, dürfte irren. Die Terrorgruppe mag im Absterben begriffen sein. Aber neue Formen des Dschihadismus können entstehen, wenn die Umstände danach sind. Schutz vor Bin Ladens Erben bieten nur gerechte, modernere Gesellschaftsverhältnisse in den islamischen Staaten. Mit dem arabischen Frühling haben die Menschen einen Weg in diese Richtung gefunden, ohne Hilfe des Westens. Ihre Kritik an Mubarak, Gaddafi und Konsorten bleibt im Kern aber dieselbe wie die Bin Ladens. Sie zielt auf Ungerechtigkeit, Korruption oder Besatzung - ob in Syrien oder Palästina.

Die Mittel und Methoden sind andere: Friedliche Demonstrationen sind erfolgreicher als Attentate, finden internationale Unterstützung. Der Sieg über al-Qaida - wenn er kommt - wäre weit mehr als ein Erfolg amerikanischer Hightech-Krieger. Er wäre vor allem auch das Verdienst der Muslime in Ägypten, Tunesien und Libyen.

Die Blutspur der Gotteskrieger

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