Von Nina Jauker

Gouverneur Blagojevich skrupellos: FBI-Unterlagen zeigen, wie er eine ganze Zeitung erpresste und Geld aus seinem Job machen wollte.

Ist Rod Blagojevich verrückt? Diese provokative Frage stellte der Chicago-Tribune-Kolumnist John Kass. Schwere Korruptionsvorwürfe waren gegen den Gouverneur von Illinois bekanntgeworden. Der Journalist antwortet gleich selbst: Wer das glaube, sei nie einem Politiker aus der Chicagoer Politik-Maschinerie begegnet.

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Geld für Staatsaufträge: Gouverneur Rod Blagojevich. (© Foto: dpa)

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Abgesehen davon, dass diese Haltung auch den zukünftigen Präsidenten Barack Obama ins Zwielicht rückt, ist die Frage nach dem Geisteszustand des Gouverneurs durchaus berechtigt. Der Fall Blagojevich beinhaltet mindestens zwei große Skandale: Es geht um das Geschacher um Obamas vakant werdenden Senatssitz - und um die Affäre rund um die Chicago Tribune.

"Ich wusste kaum, wo die Bibliothek war"

Bereits kurz nach Blagojevichs Wahl zum Gouverneur von Illinois zeichnet sich ab, dass er seine Amtszeit damit verbringen würde, Jobs und Staatsaufträge im Austausch für finanzielle und politische Gefälligkeiten zu verscherbeln. Ein Bekannter berichtet von einem Flug nach New York, auf dem Blagojevich über sein Interesse spricht, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Er fügt hinzu, dass es für Gouverneure einfacher sei, Spenden für einen Präsidentschaftswahlkampf zu erhalten. Denn ein Gouverneur könne "Verträge verteilen" und Spender für Beratungstätigkeiten bezahlen.

"Blagogate" schreiben amerikanische Medien bereits über Chicago 2008. Manche drucken Fotos von Al Capone, dem berüchtigen Gangster aus der Metropole.

Blagojevich, der zur Symbolfigur für Korruption im Amt geworden ist, stammt aus einem Chicagoer Arbeiterviertel. Sein Vater war ein zugewanderter Stahlarbeiter. Der spätere Gouverneur war ein mittelmäßiger Schüler, wie er selbst zugab. An der juristischen Fakultät der kalifornischen Pepperdine-Universität habe er "kaum gewusst, wo die Bibliothek war," zitiert ihn das Wall Street Journal.

Doch weil "Blago", wie ihn Freude nennen, schlechtbezahlte Jobs in den Büros von einflussreichen Chicagoer Politikern annimmt - und Patricia Mell, die Tochter eines wichtigen Stadtrats, heiratet - steigt er im Establishment auf. Und schafft es schließlich im Jahr 2002, als erster Demokrat seit 30 Jahren zum Gouverneur von Illinois gewählt zu werden.

In diesem Jahr beginnt er offenbar bereits damit, Staatsleistungen nur gegen erpresserische Wahlkampfspenden zu genehmigen.

Drückende Schulden

Im Oktober 2008 verstärkt Blagojevich allem Anschein nach seine korrupten Aktivitäten, um so viel Geld wie möglich anzuhäufen. Der Grund: Die Ethikkommission, die von Januar 2009 an gegen ihn eingesetzt werden soll, hätte seine Möglichkeiten zur illegalen Geldbeschaffung stark eingeschränkt.

In den Abhörprotokollen aus Blagojevichs Büros, die der FBI-Agent Daniel W. Cain am 7. Dezember 2008 der Justiz vorlegt, ist der finanzielle Druck und die Hektik des Gouverneurs spürbar - und die Angst vor Entdeckung. Bei der Erpressung eines Krankenhausdirektors im November warnt er seine Komplizen: "Geht vorsichtig vor. Ich meine, das FBI war schon bei XY zum Gespräch. Versteht ihr?" Der diensthabende Abhör-Spezialist wird das wohl mit einem Grinsen quittiert haben.

Doch Blagojevich kann nicht aufhören: Bei seiner Organisation "Friends of Blagojevich" für die Wiederwahlkampagne haben sich 500.000 Dollar an offenen Rechnungen angehäuft. Privat sieht es noch düsterer aus: 900.000 Dollar Schulden wegen seiner Häuser in Chicago und Washington D.C. stehen zu Buche.

Doch schließlich überspannt der Politiker den Bogen endgültig. Die Zeitung Chicago Tribune hat schwere Finanzprobleme. Um überleben zu können, braucht sie dringend Geld, und das hätte durch den Verkauf der Chicago Cubs, der konzerneigenen Baseball-Mannschaft, und deren Stadion Wrigley Field hereinkommen sollen.

Doch das Geschäft verzögerte sich immer wieder. Zuletzt versucht die Tribune, dafür die steuerbegünstigte Finanzierung durch eine Wirtschaftsförderungsanstalt zu bekommen. Das hätte Ersparnisse von 100 Millionen bis 150 Millionen Dollar zur Folge gehabt - Blagojevich kommt das Problem der Zeitung gerade recht.

Er benutzt diese Finanzierung als Erpressungsmittel gegen den Eigner der Tribune, den Investor Sam Zell. Denn die Zeitung hatte in bitterbösen Kommentaren seine Absetzung als Gouverneur gefordert - Auszüge aus Tribune-Texten fügt Agent Cain gewissenhaft seinem Bericht an. In einer Lobrede auf einen Abgeordneten aus Illinois schreibt die Zeitung etwa: "Madigan widersteht Gouverneur Blagojevichs schlechten Anregungen. Er widersteht überhaupt allen Anregungen von Blagojevich." Über einen weiteren Abgeordneten aus Illinois: "Er ist ein guter Gesetzgeber, versiert in Bildungs- und Gesundheitsfragen. Und er ist außerdem der einzige Zahnarzt in der Legislative. Kann er einen Gouverneur ziehen?"

Dementsprechend wird der Ton bei den Blagojevichs im Umgang mit der Zeitung sehr rau. Die Idee, als Druckmittel den Verkauf der Cubs zu verzögern, kommt aus dem Hintergrund - von Ehefrau Patti Blagojevich. Sie greift sich später auch das Telefon und erklärt, dass die Tribune-Eigner die verantwortlichen Journalisten ja wohl "einfach feuern" könnten, wenn ihnen die Zeitung gehöre.

Blagojevich trägt einem Deputy Governor daraufhin auf, die kritischen Artikel, die seine eigene Absetzung fordern, zu sammeln. Sie planen, den Amtschef des Gouverneurs, John Harris, zu den Zeitungseignern zu schicken. Blagojevich: "Jemand muss ihnen sagen, dass sie diese Leute loswerden sollen. Das ist eine verdammte politische Operation hier."

Der Deputy Governor mahnt zwar, dass Harris "einfühlsam" vorgehen müsse. Doch Blagojevich hält dagegen: An der Sache sei überhaupt nichts heikel. Da müsse man entschieden vorgehen und sagen: "Wir tun Dinge für euch. Vielleicht können wir sie plötzlich nicht mehr tun. Als feuert diese Schweine." Daraufhin merkt Amtschef Harris an, dass man vielleicht nicht so direkt werden solle. Blagojevich winkt ab. Harris wisse, was er zu sagen habe: "Wir fordern, dass diese verdammten Kerle entlassen werden und wir redaktionelle Unterstützung von der Tribune bekommen."

Auf der nächsten Seite: Die peinlichen Versuche von John Harris, die Tribune zu erpressen.

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