Geschichten aus der Kindheit und Personality-Kapriolen: der SPD-Kanzlerkandidat soll dem Wähler näher kommen.
Über den Jahreswechsel hinweg konnte man die erste öffentliche Wandlung des Frank-Walter Steinmeier beobachten - hin vom Außenminister zum Herausforderer von Regierungschefin Angela Merkel. In diesen Wochen wird man Zeuge einer zweiten Metamorphose: Der Menschwerdung des Kanzlerkandidaten, sozusagen.
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Ein normales Kind seiner Zeit: Frank-Walter Steinmeier. (© Foto: dpa)
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Ein Mensch ist Steinmeier zwar schon seit 53 Jahren, als er in Ostwestfalen auf die Welt kam. Doch bislang kennen die allermeisten Steinmeier vor allem als seriösen Außenminister im dunklen Anzug. Doch von seinem privaten Leben, seinem Werdegang wissen die meisten Leute wenig. Auch SPD-Mitgliedern, die alsbald auf den Straßen für ihn werben sollen, ist er noch fremd. Manch einer von denen fragt sich, warum der Mitarchitekt der parteiintern bis heute umstrittenen Reformagenda 2010 sozialdemokratischer Spitzenkandidat ist.
Deshalb lässt sich Steinmeier in diesen Wochen auffallend oft über sich selbst befragen, Partei-Postillen und Illustrierte drucken Fotos aus seiner Jugend- und Kinderzeit. In der zweiten Märzhälfte erscheint außerdem sein bebildertes Buch mit dem Titel "Mein Deutschland. Wofür ich stehe", in dem er laut Verlagswerbung "zum ersten Mal über sich persönlich und seine politischen Vorstellungen, Prägungen und Ziele" spricht.
Groß in kleinen Verhältnissen
Das stimmt so nicht. Denn über sich selbst redet Steinmeier jetzt schon - bei Parteiveranstaltungen, wie zuletzt in Hamburg, oder in Fernseh-Talkshows, wie bei Sandra Maischberger. Gelernt hat man daraus vor allem zweierlei: Erstens, dass der Kandidat ein ziemlich normales Kind seiner Zeit ist. Groß geworden in kleinen Verhältnissen, erster Gymnasiast der Familie, Hobby-Fußballer, als Student trug er einen Bart und orangefarbenen Socken.
Zweitens, dass ihm solche Selbstdarstellung nicht recht geheuer ist. Als er vor Wochenfrist in Hamburg zum Auftakt der SPD-Kampagne "Das neue Jahrzehnt" sprach, redete er lieber über den Nahen Osten als über sich selbst. Doch auch wenn es ihm missfällt: Menschwerdungen muss jeder Kanzlerkandidat durchlaufen.
Als der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) 2002 gegen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) antrat, mühte sich dessen Familie mit Medienauftritten, das Bild des harten CSU-Chefs zu mildern. Im folgenden Wahlkampf erzählte Merkel überraschend oft von ihrer Kindheit und Jugend in der DDR, die nicht wenigen Unionsmitgliedern unbekannt und durchaus suspekt waren.
Merkel und Steinmeier eint eine durchaus sympathische Eigenschaft: Über ihr Privatleben würden sie am liebsten einen Mantel des Schweigens breiten. Ihre Wohnungen bleiben für die Öffentlichkeit verschlossen, das Familienleben tabu. Die Kanzlerin und ihr Herausforderer haben von Jugendzeiten keine Neigung zu Ego-Gewese, würden ohne Zuraten von Mitarbeitern auf Personality-Kapriolen verzichten. Denn manchmal schaden sie mehr als sie nützen.
Frank oder Frank-Walter?
Dazu zählt etwa die vom Berliner Willy-Brandt-Haus ausgelöste Debatte, ob Steinmeier noch seinen vollen Vornamen trägt. Seit der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering und Generalsekretär Hubertus Heil öffentlich von "Frank" und nicht mehr von "Frank-Walter" sprechen und man auf der SPD-Internet-Seite ebenfalls immer öfter auf den Bindestrich verzichtet, muss der Kandidat erklären, wie er denn nun heißt, bevor er etwas über die Zukunft von Opel und über Rezepte gegen die Wirtschaftskrise sagen darf.
Der Ostwestfale, der jedweden "Mätzchen" im SPD-Wahlkampf bereits eine entschiedene Absage erteilt hat und auch persönlich nicht zu Albernheiten neigt, reagiert verstimmt. Hörbar missmutig sprach er am Sonntag im Deutschlandfunk von einer "puren Erfindung" und sagte, es habe eine solche parteiinterne Namens- Entscheidung nie gegeben.
Er habe auch noch kein Plakat und keine SPD-Werbebroschüre gesehen, "in der versucht worden wäre, ,unser Frank' zu schreiben". Das stimmt. Doch in der aktuellen Broschüre "In unserer Mitte ist noch Platz", mit der die Sozialdemokraten um Mitglieder werben, findet sich ein Foto des jungen Steinmeier aus dem Jahr 1976, mit Zauselbart. Darunter steht: "Frank Steinmeier, Jurist".
Bis März, allenfalls bis Mitte April wird man nach Darstellungen aus Steinmeiers Umfelds noch über den Menschen hören. Nach Ostern wird die SPD ihr Programm für die Bundestagswahl verabschieden und dann wieder mehr über Sachthemen reden. Im Juni, nach der Europawahl, findet der Parteitag statt, dann beginnt der Wahlkampf, der ab August richtig in Fahrt kommen wird. Dann muss der Kandidat weniger über sich selbst sprechen, als über die Kanzlerin, die er ablösen will.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 23.02.2009/bilu)
Stockender Kita-Ausbau
Es hat etwas Rührendes, wenn den deutschen Wählern unterstellt wird, sie würden ihre politischen Repräsentanten danach wählen, mit wem sie sich am liebsten aufs Sofa setzen. Gibt es eigentlich noch Unterschiede in den politischen Zielsetzungen bei den Parteien , gibt es noch Positionen zum Krisenmanagement, die sich überprüfen lassen oder nähern wir uns immer mehr dem Big-Brother-Niveau.
Es gibt genügend Menschen in Deutschland, die sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder machen und gerne wissen würden, wem sie noch vertrauen können.
Wenn Zeitungen nicht informieren, können sich die politischen Vertreter gemütlich in der Klatschzone einrichten.
Es wird Zeit für Perspektiven, die Katastrophen warten nicht.