Von Von Alexander Kissler

Er besorgte den Sprengstoff für das Attentat am 20. Juli 1944. Er brach mit 1200 Reitern von der Ostfront nach Berlin auf, um nach dem Tode Hitlers Himmler und Goebbels gefangen zu nehmen. Baron Philipp Freiherr von Boeselager ist der letzte lebende Akteur des 20. Juli, und obwohl er es bestreitet, einer der mutigsten.

"Moralische Rigidität" habe Henning von Tresckow und die Brüder Stauffenberg in den Widerstand gegen Hitler getrieben. Um ihren Mut zu verstehen, müsse man sich mit deren Weltsicht, deren "Gefühl für ,Rechtlichkeit und Redlichkeit'" auseinander setzen - schrieb jüngst Peter Steinbach, der Leiter der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Philipp Freiherr von Boeselager mit einem Porträt von Generalfeldmarschall Günther von Kluge, der ebenfalls an der Planung des Hitler-Attentats beteiligt war (© Foto: dpa)

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Moralisch rigide war gewiss auch jener Mann, der seit Mai 1942 gemeinsam mit von Tresckow der Heeresgruppe Mitte angehörte, der den Sprengstoff für das Attentat am 20. Juli 1944 besorgte und der drei Tage davor mit 1200 Reitern von der Ostfront bei Brest-Litowsk Richtung Berlin aufbrach, um nach dem Tode Hitlers Himmler und Goebbels gefangen zu nehmen. Baron Philipp Freiherr von Boeselager ist der letzte lebende Akteur des 20. Juli, und obwohl er es bestreitet, einer der mutigsten.

Von den 1200 Kavalleristen aus dem nach seinem Bruder Georg benannten "Reiterverband Boeselager" waren nur zwei Rittmeister eingeweiht. Der Rest mag etwas geahnt haben, doch denunziert wurde Philipp von Boeselager selbst dann nicht, als er die Nachricht vom Scheitern des Anschlags erhielt - einen Zettel mit der Botschaft "Alles in die alten Löcher" - und so nach einem 36-stündigen Gewaltmarsch den Befehl zur Umkehr gab, zurück an die Ostfront.

Ein drittes Mal war Hitler mit dem Leben davongekommen: Bereits am 13. März 1943 hatte von Boeselager zu jenen Offizieren gehört, die den Diktator bei seinem Besuch im Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte erschießen wollten. Doch ihr Vorgesetzter, Generalfeldmarschall Günther von Kluge, zog kurzfristig seine Duldung zurück. Der Plan war damit geplatzt. Und die Bombe, die man zu Hitler ins Flugzeug lud, damit es über Minsk explodierte, ging an der Kälte in den Lüften zugrunde.

Dicht gefüllt war nun der Senatssaal des Bayerischen Landtags zu München, als Philipp von Boeselager über die "Einsamkeit des Widerstandes" referierte. Landtagspräsident Alois Glück lobte den "Aufstand des Gewissens".

Heinrich Oberreuter, als Direktor der Akademie für Politische Bildung (Tutzing) Mitveranstalter, erinnerte an die Regierungserklärung der "Verschwörer", die leider nie gehalten wurde. Ihr zufolge forderte man zuerst und unbedingt die "Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts".

Damit waren die beiden tragenden Säulen der Weltsicht von Boeselagers benannt. Mehrfach erklomm die Stimme des groß gewachsenen, heute 86-jährigen Rheinländers die Höhen der Erregung: Völlig undenkbar, absolut unvorstellbar sei es gewesen, dass "die Reichsregierung uns belog", dass der Staat selbst Unrecht tat. Doch genau so lagen die Dinge, und deshalb "war klar, was man tun musste, um nachts wieder ruhig schlafen zu können".

Im Juni 1942 las er in einem Bericht der SS: "5 Zigeuner sonderbehandelt". Auf Nachfrage erfuhr er, dass mit "Sonderbehandlung" die rechtswidrige Erschießung aller "Reichsfeinde" gemeint war. Aus dem Ordonnanzoffizier war ein Regimegegner geworden.

Die Sehnsucht nach dem Ende des rechtlosen Zustands resultierte wesentlich aus von Boeselagers Glauben, der zweiten tragenden Säule. Am Portal des jesuitischen Gymnasiums in Bad Godesberg stand ein Leitspruch, dem er treu blieb: "Deo Patrii Vitae" - Gott und dem Vaterland und dem Leben solle man dienen.

Die Nationalsozialisten hätten jene Tugenden zu Tode geritten, ohne die auch heute kein Gemeinwesen auskomme, die Vaterlandsliebe, den Mut, die Ehrlichkeit. Wer diese Tugenden schärfen wolle, der brauche einst wie jetzt ein "christliches Gewissen", das es Abend für Abend zu erforschen gelte. Nur so könne wieder wachsen, woran es dem 21. Jahrhundert offenbar mangelt: Zivilcourage.

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(SZ vom 16.7.2004)