Bahr über Brandts Kniefall "Plötzlich wurde es ganz still"

Vor 40 Jahren ging ein Bild um die Welt: Mit seinem Kniefall ehrte Bundeskanzler Willy Brandt die Aufständischen des Warschauer Ghettos - und setzte ein Zeichen in der Ostpolitik. Sein damaliger Staatssekretär Egon Bahr erinnert sich.

Interview: F. Augstein

Nachdem Willy Brandt (SPD) im Jahr 1969 zum Bundeskanzler gewählt worden war, konnte er zusammen mit seinem Staatssekretär Egon Bahr die Ostpolitik umsetzen. 1970 reisten beide nach Polen. Auch eine Ehrung des Denkmals für die Aufständischen des Warschauer Ghettos von 1943 war vorgesehen.

SZ: Sie haben Willy Brandt 1970 nach Warschau begleitet. Wie haben Sie seinen Kniefall erlebt?

Egon Bahr: Berthold Beitz und ich sind im Auto hinterhergefahren. Wir stiegen aus und sind langsam zum Denkmal geschlendert. Gesehen haben wir nur die Wand aus Presse- und Kameraleuten. Plötzlich wurde es ganz still. Wir haben dann einem Mann vor uns auf den Rücken getippt. Der drehte sich um und flüsterte: "Er kniet." Am Abend habe ich einen Whisky mit Brandt getrunken; mit großer Befangenheit, mit scheuer Begeisterung habe ich ihm dann gesagt: "Das war aber doll." Und er sagte, er habe das Gefühl gehabt, Kranzniederlegen genügt nicht.

SZ: War der Kniefall geplant?

Bahr: Nein! Das war eine Eingebung des Augenblicks.

SZ: Wie war die Reaktion in Polen?

Bahr: Die Staatsführung hielt sich bedeckt. Einige meinten, eine solche Geste wäre vor dem nicht-jüdischen Denkmal, das an den Warschauer Aufstand 1944 erinnert, besser am Platz gewesen. Aber das wurde nur sehr vorsichtig angedeutet. Inzwischen wissen wir, aus vielen Beiträgen in Rundfunk und Fernsehen: Die Polen waren berührt, bewegt darüber, dass einer, der persönlich keine Schuld hatte, um Vergebung bat für die Schuld seines Volkes.

SZ: Heute noch gibt es Polen, die Brandt vorhalten, er habe vor dem "falschen" Denkmal gekniet.

Bahr: Mit dem Abstand von 40 Jahren ist zu sagen: Der politische Kern des Besuches ist gewesen, dass ein deutscher Kanzler erstmals die Oder-Neiße-Grenze akzeptierte und den Mut hatte, seinen Landsleuten die Illusion zu nehmen, sie könnten verlorene Gebiete in Polen eines Tages zurückerhalten. Das ist im Rest der Welt als das Wichtigste betrachtet worden, gekrönt wurde es von diesem unglaublichen Bild. Zusammengenommen hat das sicher dazu beigetragen, dass Brandt den Friedensnobelpreis erhielt. Das Gewicht der Bundesrepublik war durch den Moskauer Vertrag natürlich größer geworden. Nun aber - nach der Geste dieses Kanzlers - gab es keinen Grund zur Beunruhigung mehr.

SZ: Wie beurteilen Sie den Stand des deutsch-polnischen Verhältnisses?

Bahr: Das deutsch-polnische Verhältnis ist heute meiner Ansicht nach durch die Tatsache bestimmt, dass der deutsch-französische Motor für Fortschritte in Europa nicht mehr ausreicht. Osteuropa ist hinzugekommen. Als größtes Land trägt Polen eine immens große Verantwortung für die Fortschritte der EU: Ohne Polen kann das beschlossene Ziel eines selbstbestimmten Europa als einem Pol in der multipolaren Welt nicht verwirklicht werden.

Interview: Franziska Augstein