Der gute Ruf von Leipzig "Wir sind das Volk"

Die Geschichte kennt revolutionäre Rufe eigentlich nur als Forderungen. Vor 15 Jahren geschah das Unerhörte. Zehntausende aufgebrachte Menschen, die in Leipzig auf die Straße gingen, forderten erstmals nichts. Sondern stellten einfach nur klar, wer sie waren.

Von Von Siegfried Stadler

Der einzigartige Ruf "Wir sind das Volk!" entstand, nach Pfarrer Rolf-Michael Turek, "im Dialog" mit der Leipziger SED-Zeitung. Schon mehrfach hatte sie im September von "Zusammenrottungen" in der Innenstadt berichten müssen, und dass "Rowdys" die sozialistische Ordnung gestört hätten.

Am 9. Oktober stand das erneut in der Zeitung. 3100 Volkspolizisten, acht Hundertschaften Kampfgruppen, alle Mitarbeiter der Staatssicherheit und 5000 "gesellschaftliche Kräfte" waren aufgeboten, um die zu erwartende neuerliche Montagsdemonstration aufzuhalten - "wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand".

Doch gegen 70.000 Demonstranten war man machtlos. Sie stellten erstens klar: "Wir sind keine Rowdys!", um dann hinzuzufügen: "Wir sind das Volk!"

Auch eine andere berühmte Losung tauchte bei dieser vorentscheidenden Montagsdemonstration auf: "Wir sind ein Volk!" Die Formulierung findet sich in einer Erklärung von Leipziger Menschenrechtsgruppen.

Sowohl die Polizeikräfte als auch an die Demonstranten forderte der Text zur Besonnenheit auf: "Wir sind ein Volk! Gewalt unter uns hinterläßt ewig blutende Wunden!" Der Aufruf wurde in einer Vorabmeldung von dpa zitiert und in der taz veröffentlicht, um dann in Vergessenheit zu geraten. Denn die Demonstranten riefen : "Keine Gewalt!" Und: "Wir sind keine Rowdys! Wir sind das Volk!"

Doch es gibt mehrere Hinweise, dass "Wir sind das Volk" bereits eine Woche zuvor schon in Leipzig zu hören war. So berichtet der Schriftsteller Martin Jankowski wie er am 2. Oktober mit zweitausend Demonstranten am Thomaskirchhof von der Polizei eingekesselt wurde. Als sich die knüppelbewehrten Volksvertreter per Lautsprecher mit "Hier spricht die Volkspolizei!" ankündigte, entzog ihnen die Menge das Mandat durch die Klarstellung: "Wir sind das Volk!"

Rhythmisch knüpfte der Ruf an das "Wir wollen raus!" an, das schon im Frühjahr 1989 die Ausreisewilligen in Leipzig gerufen hatten. Daraus wurde im September das trotzige "Wir bleiben hier" - immer auf den gleichen 4/4 Takt skandiert: Viertelnote, zwei Achtel, halbe, um das mal festzuklopfen.

Die Betonung lag auf dem Taktanfang "Wir" und dem Ende, mit dem erst das Rauswollen, dann das Hierbleiben, schließlich das Volk akzentuiert wurde. Wie passte auf diesen Rhythmus dann die Ableitung "Wir sind ein Volk", bei der die Betonung ja plötzlich in der Mitte liegen musste? Er passte gar nicht und klingt unfreiwillig komisch, fast wie: Wir sind ein Völkchen!

"Dezember 1989" heißt es auf einem Tondokument, am Ende einer vom Deutschlandfunk produzierten CD. Wann genau und vor allem wo der Ruf ertönte, erfährt man nicht. Dagegen legte sich die 1994 entstandene Fernsehdokumentation "Im Sog der Einheit" auf Leipzig fest.

Von einer Montagsdemonstration "im Dezember 1989" sieht man, wie Leute eine DDR-Fahne zerreißen. Kurz und kaum vernehmbar ertönt dazu aus dem Hintergrund "Wir sind ein Volk!". Die Rufenden sieht man nicht.

Merkwürdigerweise macht sich auch auf Plakaten und Transparenten die Losung rar. Ein ausnehmend schönes Stück besitzt das Deutsche Historische Museum in Berlin. Aus Pappe ausgeschnitten und an einem Tragestock montiert sieht man die Silhouette der beiden deutschen Lande. Die Grenze, die sie trennte, ist nur noch punktiert. Schwarz erscheint der deutsche Norden, rot die Mitte, Gelb der Süden und mittendrin: "Wir sind ein Volk."

Es sei auf einer Leipziger Montagsdemonstration "im Dezember 1989" getragen worden. Keinem Fotografen vor Ort scheint das Prachtstück aufgefallen zu sein. Und das "Demontagebuch" aus dem Gustav Kiepenheuer Verlag, das von Oktober bis Dezember akribisch alle neuen Transparente in Leipzig auflistete, kennt es auch nicht.

130 Transparente und Plakate erhielten sich in der Stadt der Montagsdemonstrationen. Die gesuchte Losung findet sich nur auf einem einzigen, das am 13. März 1990 getragen wurde.

Das ist eine magere Ausbeute an Belegen für den Ruf, der Deutschland und die Welt veränderte. Wie der Spiegel noch zehn Jahre später zu berichten wusste, drang der ostdeutsche Einheitsruf bis ins Weiße Haus vor.

Im Gespräch mit George Bush habe sich am 21. November 1989 Bundesaußenminister Genscher darauf berufen, "was seine Landsleute tags zuvor in Leipzig" riefen. Nämlich: "Wir sind ein Volk!" Vielleicht haben das einzelne gerufen. Doch als Sprechchor, der die Massen ergriff, gab es den Ruf weder am 20. noch am 27. November.

Dafür war damals andernorts viel von ihr die Rede. Denn in einer CDU-Vorstandssitzung kündigte Kanzler Kohl eine Plakataktion "Wir sind ein Volk!" an. Mit ihr sollte der Einheitswillen der Westdeutschen mobilisiert werden.

"Deutschland, einig Vaterland!" wurde in Leipzig gerufen. Ein Einzelgänger hatte diese Losung eingeführt. In seinen "Aufzeichnungen eines Montagsdemonstranten" notierte der Leipziger Autor Reiner Tetzner für den 30. Oktober 1989: "Zum ersten Mal Deutschland, einig Vaterland", das Zitat aus der Nationalhymne der DDR, in Anführungszeichen gesetzt.

Ein Mann steht scheinbar verloren mit dem Schild am Straßenrand. "Ein Neonazi?", fragt jemand neben mir. Andere klatschen Beifall. Am Montag nach der Maueröffnung riefen die Leipziger Demonstranten diese Zeile aus der Becher-Hymne von 1949, die seit Jahrzehnten nicht mehr gesungen werden durfte, zum ersten Mal im Chor.

Die Bild hatte etwas anderes vorausgesagt. "Wir sind das Volk!", rufen sie heute, Wir sind ein Volk!", rufen sie morgen." Mit dieser Überschrift prophezeite Bild am 11.11. den Fortgang der Geschichte. Damit war die Formel von der Geburt des Rufs "Wir sind ein Volk" aus dem Geiste von "Wir sind das Volk" geboren. Sie stand an jenem Samstag in der Zeitung, an dem die halbe DDR erstmals zu Besuch im Westen war.

Und bei dieser Gelegenheit vielleicht auch einen Blick in die Bild warf? Die neue Losung erschien jedenfalls umgehend auch in Leipzig. Allerdings nur auf einem einzigen, rätselhaften Plakat, das der Fotograf Matthias Hoch am 13.11. vor dem Neuen Rathaus vorfand.

Ob die Schrifttafel mit "Wir sind ein Volk" jedoch zuvor durch die Stadt getragen wurde, ist mehr als fraglich. Nach dem Foto zu urteilen, handelte es sich um eine beschriftete Künstlerleinwand auf Keilrahmen. Ein Tragestock war nicht dran, was den Historiker Hartmut Zwahr zu der Bemerkung veranlasste: "Vermutlich handelte es sich um eine Inszenierung."

Eine Woche später, erinnert sich Professor Bernd Lindner vom Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig, wurden bei der Montagsdemo aus zwei Kleinlastern mit bayerischen Kennzeichen diverse Aufkleber verkauft. Neben der Stones-Zunge gehörte auch "Wir sind ein Volk!" zum Sortiment.

Lindner meint, den Schriftzug in einem runden oder ovalen Aufkleber gesehen zu haben, ohne Deutschlandfahne im Hintergrund. Die Volkspolizei erwarb einen anderen und legte ihn zu den Akten, die sich heute im Sächsischen Staatsarchiv in Leipzig befinden. Gleich mehrere Exemplare aus dieser Serie gehören zum Fundus des Bonner Hauses der Geschichte.

An ihnen lässt sich der Werdegang von "Wir sind ein Volk!" nachvollziehen. Der Schriftzug auf schwarz-rot-goldenem Grund bleibt immer der gleiche. Doch zuerst gibt es keinen Hinweis, wer den Aufkleber herausgab, später erscheint der millimetergroße Aufdruck: "CDU-Geschäftsstelle, Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, Bonn." Noch später rückt die CDU groß ins Schriftbild unter "Wir sind ein Volk!".

Ist es am Ende nicht egal, ob sich in dieser Parole oder in "Deutschland, einig Vaterland" der Wiedervereinigungswunsch der Ostdeutschen ausdrückte? Offensichtlich nicht, sonst hätte man "Wir sind ein Volk" nicht erfinden müssen.