Jetzt, da Saddam gefasst ist, heißt es Abschied nehmen, denn am Sonntag ging die Geschichte einer wunderbaren Feindschaft zu Ende. 13 Jahre, 4 Monate und 12 Tage lang hatte der irakische Diktator mit Bravour vor allem im Westen das ideale Feindbild abgegeben (wenn er nicht zwischendurch als Verbündeter gegen noch üblere Feinde oder einfach als Wirtschaftspartner dieser oder jener Regierung doch wieder recht nützlich war). Er hatte einen Zwergstaat überrannt, Tel Aviv mit Raketen beschossen und den gesamten Nahen Osten bedroht. Er hatte seine eigenen Bürger geknechtet, gefoltert und vergast, seine Schwiegersöhne hinrichten lassen und Abtrünnige höchstpersönlich standrechtlich erschossen. Damit eignete er sich hervorragend für schlagzeilentaugliche Alliterationen - Saddam der Sadist, der Tyrann vom Tigris, der Barbar von Bagdad. Und es war genau diese Mischung, mit der er sich so perfekt für eine weltgeschichtliche Rolle eignete, die weit über die Golfregion hinausreichte.
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Saddam war sich wahrscheinlich gar nicht bewusst, was für ein perfektes Gespür für die Bedürfnisse des weltpolitischen Zeitgeistes er bewiesen hatte, als er am 2. August 1990 in Kuwait einrückte. Der Kalte Krieg war zu Ende, und die USA sahen sich plötzlich als letzte Weltmacht auf einsamem, verantwortungsbeladenem Posten. Es war am 11. September jenes Jahres, als George Bush der Ältere vor dem amerikanischen Kongress jene historischen Worte sprach, die das postideologische Zeitalter einleiten sollten: "Aus diesen schweren Zeiten kann eine neue Weltordnung wachsen. Hundert Generationen haben nach diesem Weg zum Frieden gesucht, tausend Kriege geführt. Doch heute kämpft diese Welt darum, geboren zu werden. Eine Welt, ganz anders als jene, die wir kennen." Das klang damals einen Moment lang, als hätte der amerikanische Präsident das Ende des Hobbesschen Zeitalters erklärt und jenes Kantsche Paradies vom ewigen Frieden ausgerufen, das Robert Kagan später in seinem Essay "Macht und Ohnmacht" als Modell europäischer Weltfremdheit beschrieb.
Allerdings war die Neue Weltordnung ein viel zu abstrakter Begriff, um den Rest dieser Welt zu vereinen. Mit der KSZE-Tagung ging drei Monate später nicht nur der Kalte Krieg, sondern auch das Zeitalter der ideologischen Sicherheiten zu Ende. Über 40 Jahre lang hatte sich der Westen mit Erfolg über seine Antithese im Osten definiert. Das schaffte klare Verhältnisse, initiierte aber, zunächst unfreiwillig-unterschwellig, die Suche nach einem neuen Feindbild, kaum war die Mauer gefallen. Die Drogenmafia und der Islam standen kurz zur Debatte, doch letztlich waren das keine Feinde, sondern diffuse Bedrohungen.
Der französische Politologe Jean-Christophe Rufin beschrieb die kurze Zeit zwischen dem Ende des Kalten Krieges und dem Beginn des Golfkrieges als Übergang vom hegelianischen Optimismus, wie er sich etwa in Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte manifestierte, zur polybischen Ideologie. Rufin war nicht der einzige, der das römische Reich nach dem Niederbrennen Karthagos als Vergleichsmodell für die USA nach dem Mauerfall heranzog. Aber er war der erste, der Polybios zitierte, jenen griechischen Geschichtsschreiber und Freund des Eroberers Scipio. Polybios hatte nach dem Fall Karthagos die universelle Mission einer imperialen Verantwortung formuliert: das römische Reich definiere sich über den Gegensatz zu den Barbaren.
Ergo Saddam Hussein. Ein Schlächter und Tyrann, der es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht hatte, jeden einzelnen Paragraphen der Menschenrechtserklärung mit Füßen zu treten und doch der Führer eines souveränen Staates war. Die ideale Mischung aus Barbar und konventionellem Gegner. So konnte er zu jenem gemeinsamen Nenner werden, den die zivilisierte Welt als Feinbild akzeptieren und als Grundlage für eine neue, wiederum bipolar gefestigte Selbstgewissheit nehmen konnte.
Seine Nachfolger werden es uns nicht so leicht machen. Kim Jong Il besitzt Atomraketen, ebenso vermutlich die iranische Theokratie. Osama bin Laden ist nur der Kopf einer antimodernistischen, nicht zu fassenden Hydra, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Werte des Westens auf grausam-diffuse Weise zu negieren. Dagegen war Saddam Hussein ein durch und durch traditionell begreifbarer und bekämpfbarer Feind. Und damit schon ein Anachronismus.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...