Althaus und andere Fahrlässigkeitstäter: Sie haben "es" nicht gewollt, aber sie können etwas dafür.
Es gibt die Straftaten, die beginnen mit den Wörtern "Ich habe": Ich habe gestohlen, ich habe betrogen, ich habe getötet. Das sind die vorsätzlichen Straftaten; bei diesen ist die Schuld des Täters greifbar, glasklar, manifest. Und es gibt die Straftaten, die beginnen mit den Wörtern: "Ich habe doch nur ..." - nur den Apfel aufgehoben, der im Fußraum des Autos rollte; nur die Baugrube nicht ordentlich gesichert; nur die Schusswaffe versehentlich in der Nachttischschublade liegen lassen; nur einen Moment lang nicht richtig aufgepasst.
Schuld, sagt Ministerpräsident Althaus, sei für ihn nicht die richtige Kategorie. (© Foto: ddp/Archiv)
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Auf dieses "nur" folgt oft ein großes Aber: Aber dann ist das Auto in die Fußgängergruppe gerast; aber dann sind Kinder in der Grube zu Tode gestürzt; aber dann hat der 17-jährige Sohn die Waffe genommen und ist zum Mörder geworden. Das sind die fahrlässigen Straftaten. Der Schuldige beteuert entsetzt, dass er das "nicht gewollt" habe; und jeder weiß, dass das wirklich so ist. Und trotzdem ist er schuld, weil er etwas dafür kann.
Wohl die Hälfte aller Delikte sind solche Fahrlässigkeitsdelikte. Bei ihnen fällt es dem Beschuldigten schwer, seine Schuld zu akzeptieren - weil sein Fehler so klein erscheint und "nur" dessen Folgen so furchtbar sind. So ergeht es dem Ministerpräsidenten Althaus. Ihm ergeht es so, wie es dem Arzt ergehen mag, der übermüdet operiert hat; wie der Mutter, die zu schnell gefahren ist, weil sie ihr Kind vom Hort abholen musste; wie dem Apotheker, der im Stress das falsche Medikament ausgegeben hat - jeweils mit tödlichen Folgen.
Schuld sei, so sagt Althaus, für ihn "nicht die richtige Kategorie". Sie ist es leider doch - weil sein Fall eben kein Zufall war, weil Althaus selbst, durch Sorglosigkeit, Leichtsinn, Pflichtwidrigkeit, das Unglück heraufbeschworen hat. Darin besteht seine Fahrlässigkeitsschuld; sie ist eine Schuld, die jeder sich auflädt, der jene Sorgfalt, die ihm an sich möglich ist, außer Acht gelassen hat.
Die Schuld ergibt sich aus einer hypothetischen Frage: Was wäre geschehen, wenn der Täter sich pflichtgemäß verhalten hätte? Wäre das Auto nicht in die Fußgängergruppe gerast? Wäre die Skifahrerin noch am Leben? Es gibt freilich Gefahren, die rechtlich nicht relevant, weil überhaupt nicht vorhersehbar sind. Im Lehrbuch steht dazu der Fall des Mannes, der seine Freundin zu einem Treffen bestellt, bei dem sie dann von einem Meteoriten erschlagen wird. So mag man den Zufall vom verschuldeten Unglück abgrenzen.
Fahrlässigkeit ist Risikoerhöhung: Die Schuld des fahrlässigen Täters besteht darin, dass er für seine Opfer das Risiko, verletzt oder getötet zu werden, voraussehbar erhöht hat. Diese Schuld mag, verglichen mit der Schuld, die der Vorsatztäter auf sich lädt, geringer sein; das ist bei der Bestrafung zu berücksichtigen. Jede Strafe aber besagt: Der Bestrafte ist schuldig. Ohne Schuld gibt es keine Strafe. Das folgt aus den rechtlichen Kategorien. Die rechtliche Kategorie ist auch für einen amtierenden Ministerpräsidenten die richtige Kategorie.
- Kritik an Althaus "Inakzeptable Inszenierung" 16.03.2009
- Dieter Althaus: Interviewserie "Talphase ist vorbei" 15.03.2009
- CDU Thüringen Solidarisch mit einem Phantom 14.03.2009
(SZ vom 17.3.2009/vw)
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Herr Prantl, sie wissen doch selbst, dass es so einfach nicht ist, wie Sie es hier darstellen. Wenn der Arzt oder Apotheker aus Ihren Beispielen oder jeder sonst haftpflichtversicherte Schdensverursacher mehr äußert, als unbedingt notwendig, dann gefährdet ner seinen Versicherungsschutz. Das kann schon passieren, wenn der Betreffende einfach nur ehrlich ist und irgendwas mitteilt, was nicht ohnehin schon feststeht, aber den Anspruch des Geschädigten stützt. Auch wenn es bzgl. Schuldanerkenntnissen eine Gesetzesänderung gegeben hat, reicht dafür weit weniger aus. Also sagt man besser möglichst gar nichts. Dieter Althaus hat bei weitem genug dazu gesagt.
imo darf ein wegen fahrlässiger Tötung vorbestrafter kein öffentliches Amt bekleiden.
Ich hab zwar keine Ahnung, wie das rechtlich gehandhabt wird, also was vorbestrafte alles dürfen und was nicht, allerdings- wenn ich in meinem Führungszeugnis soetwas vorzuweisen habe, dann bin ich vermutlich recht schnell im Eimer.. was meine gesellschaftliche und berufliche Reputation angeht.
Ich habe es SOOOO satt, daß für politiker das recht jedesmal bis zum Anschlag gebeugt wird. Wofür halten die sich eigentlcih?!!?
Es sollte eine klare Botschaft an unsere "Volksvertreter" gehen.
Denn moralisch und menschlich ist Hr. Althaus bereits zurückgetreten, er ist nicht nur ein Schaden für eine CDU sondern darüber hinaus ein Schaden für die Demokratie.
Wann begreifen unsere "Volksvertreter" endlich wie dramatisch das Vertrauen sinkt. Dies spiegelt sich in den meisten der Leserkommentare, aber entsetzlicher Weise vor allem in einer Wahlbeteiligung.
Parteien die der Meinung sind, dass sie noch von 50% der Bevölkerung gewählt worden sind müssen doch endlich einmal aufwachen und erkennen dass diese 50% bei einer Wahlbeteiligung von 66% gerade noch 33% entsprechen. Wenn dann "Volksvertreter" wie ehemals Wieheu und heute Althaus ohne Reue weiterhin agieren dürfen, dann steht diese ohnehin schlechte Wahlbeteiligung auf dem Spiel und damit die Demokratie. Es ist also 5 Minuten vor 12!!! es gibt keine Volksparteien mehr !!! Die Bevölkerung hat von solchen Volksvertretern die Nase voll. Also nicht darüber nachdenken wie man Splitterparteien am besten verbieten kann, sondern sich wieder slbst besinnen. Die Bevölkerung wartet nur darauf, dass wieder authentische, ehrliche Politiker zu ihnen sprechen. Ich habe große Angst davor, dass sich in unseren "Volksparteien" solche ehrlichen Charaktere nicht mehr finden lassen.
Also Fr. Merkel, nutzen wir den Schwung einer US Regierung und versuchen Sie zumindest wieder Politik für das Volk und nicht für das eigene Standesdünkel zu machen. Die Demokratie steht kurz vor dem Abgrund, ich hoffe wir sind morgen nicht schon einen Schritt weiter.
DiMuenKan: "Offensichtlich haben sie in ihrem Leben immer alles völlig richtig gemacht und nie fahrlässig irgendwen gefährdet"
Trennen Sie bitte die nicht vorhandene Empörung über einen fahrlässig herbeigeführten Unfall von der berechtigten Wut über vorsätzliche Volksver.ar.schung.
@idistu
Doch, sie hat sich geäußert. Es war so typisch weihnachtsansprachlich, dass ich mich an den genauen Wortlaut nicht mehr erinnere. Dem Sinn nach: Ich wüsste nicht, warum ein so guter Mann wie Althaus keine Politik mehr machen sollte.
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