Das Ringen um eine Reform der EU geht in die entscheidende Runde. Am ersten Tag konnte keine Einigung erzielt werden, weil Großbritannien und Polen auf ihren Positionen beharren. Bundeskanzlerin Merkel zeigt sich trotzdem optimistisch - und hofft auf den "Beichtstuhl".

Wenn auf EU-Gipfeln die Verhandlungen gar nicht mehr vorankommen, greift der Präsident auf ein bewährtes Verfahren zurück: Er bittet die Kollegen in den "Beichtstuhl".

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Auch die EU-Vorsitzende Angela Merkel will am Freitag besonders widerspenstige Kandidaten unter vier Augen ins Gebet nehmen. Ziel des "Beichtstuhlverfahrens" ist, dass die Gesprächspartner preisgeben, wo ihre äußerste Schmerzgrenze für einen Kompromiss liegt.

Merkel sagte bei ihrer Ankunft zum zweiten und wohl entscheidenden Tag des Brüsseler EU-Gipfels: "Die Probleme sind noch nicht gelöst, aber alle versuchen es. Wir arbeiten fleißig."

Merkel will am Freitag zunächst Einzelgespräche mit einer Reihe anderer Regierungschefs führen, bevor alle 27 gegen Mittag wieder in großer Runde zusammenkommen.

Gegen 13 Uhr wollen die 27 EU-Staats- und Regierungschefs dann zu einem Mittagessen zusammenkommen.

Erst danach kann die Arbeit am Text eines neuen EU-Vertrages beginnen, der an die Stelle der gescheiterten EU-Verfassung treten soll.

Bereits in der Nacht hatten sich Merkel und der französische Präsident Sarkozy mit dem polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und dem litauischen Staatspräsidenten Valdas Adamkus getroffen.

Polens Präsident Lech Kaczynski sagte nach den Einzelgesprächen mit Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy, die Lage gestalte sich "sehr schwierig". Er glaube derzeit nicht daran, dass es eine Einigung geben werde. Nach den nächtlichen Gesprächen analysiert Polen die Vorschläge für einen Gipfel-Kompromiss.

"Es ist nichts entschieden", sagte der polnische EU-Botschafter am frühen Freitagmorgen. Es gebe Vorschläge, die den polnischen Forderungen entgegenkämen, aber nicht so günstig wie das von Polen vorgeschlagene Quadratwurzelsystem seien.

Überwindbare Hindernisse

Warschau könnte eine Lösung auf der Basis des Ioannina-Abkommens angeboten werden. Dies bedeutet, dass bei Abstimmungen im Brüsseler Ministerrat blockierenden Mitgliedsstaaten mehr Spielraum eingeräumt wird.

Es besteht aber Einigkeit unter der überwältigenden Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten, das institutionelle Paket der EU-Verfassung nicht aufzuschnüren. Die Probleme mit Großbritannien und den Niederlanden stellte Frankreichs Präsident Sarkozy als überwindbar dar.

Großbritannien wehrt sich vor allem gegen die Rechtsverbindlichkeit der Grundrechtecharta und gegen die eigene Rechtspersönlichkeit der EU, die dieser auch den Beitritt zu internationalen Organisationen erlauben würde.

Blair forderte Möglichkeiten zum Ausstieg aus EU-Beschlüssen in den Bereichen Innen- und Justizpolitik sowie eine Beschränkung der Kompetenzen des künftigen "Außenministers" der EU.

Für den Mittag plant Merkel, den 26 anderen Mitgliedern des Europäischen Rats nach Möglichkeit einen neuen Vorschlag für die Ausarbeitung eines EU-Reformvertrags vorlegen. Eine Einigung vor Samstag gilt dennoch als unwahrscheinlich.

Verhalten optimistisch

Nach den Beratungen hatte sich Merkel am späten Donnerstagabend verhalten optimistisch gezeigt, dass der Gipfel trotz der Widerstände aus Polen und Großbritannien erfolgreich abgeschlossen werden kann. Sie sah den Willen aller zur Einigung.

"Wir müssen nun abwarten, ob sich das auch in Resultate überführt." Aus Regierungskreisen hieß es aber weiter, dass aus Polen, aber auch von Seiten der britischen Regierung starke Widerstände gegen den von Deutschland präsentierten Vorschlag für einen neuen Reformvertrag kommen.

Ein beispielloser Vorgang

Am ersten Verhandlungstag waren nach Einschätzung der deutschen Delegation bereits echte Fortschritte erzielt worden. Nach Beginn der Beratungen verlautete aus den Delegationen, dass die Bedenken der lange widerstrebenden Niederlande gegen das EU-Vertragswerk weitgehend ausgeräumt sind.

Kaczynski und der britische Premier Tony Blair zementierten hingegen ihre Blockade-Positionen. Im erbitterten Streit um mehr Einfluss in der Europäischen Union machte Polen auch die Kriegsschuld Deutschlands geltend - ein in der EU-Geschichte beispielloser Vorgang. Bayerns Ministerpräsident Stoiber sagte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er halte diese Äußerungen für "unmöglich".

Dennoch zeigte sich Merkel unbeirrt. "Es hat sich gezeigt, dass ein breiter politischer Wille vorhanden ist", sagte sie. "Viele Fragen sind technischer Natur und manche auch hochpolitisch."

Alle Gipfelteilnehmer seien entschlossen, "alles zu unternehmen, um zu einer Übereinstimmung zu kommen." Es gehe darum, "dass man die Mehrheitsmeinung und die Wünsche einiger in eine vernünftige Balance bringt".

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(sueddeutsche.de/dpa/AFP/AP/Reuters)