Von Weimarer Parteienverhältnissen ist die Bundesrepublik weit entfernt, und sie wird es dank der Fünfprozentklausel auch bleiben. Gleichwohl haben die dauerhafte Etablierung der Linkspartei und das Abschmelzen der Volksparteien zu unberechenbaren Konstellationen geführt, bei denen viele Wähler nicht mehr wissen können, was sie mit ihrer Stimme eigentlich bewirken: Ampel, Jamaika, große Koalition, Schwarz-Gelb, Rot-Grün, vieles scheint möglich, und vor der letzten Bundestagswahl hat der "Wahlomat" im Internet daraus ein Gesellschaftsspiel gemacht.

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Bei dieser Wahl wusste nur, wer FDP wählte, ganz genau, wofür er stimmte, nämlich für Schwarz-Gelb und gegen die große Koalition. Und dies war einer der Gründe für den hohen Stimmenanteil der Liberalen, den diese dann auf so hoffährtige Weise überschätzten. Dass sie dafür so umgehend bestraft wurden, beweist rückwirkend den vielfach taktischen Charakter der FDP-Stimmen, die mutmaßlich gar nicht so präzise für Steuersenkungen gemeint waren, sondern eher zur Abwahl von Schwarz-Rot dienen sollten.

In dieser Situation wächst ein Ungenügen am Parteienbetrieb, das fatal ist, weil es der Knochenmühle, zu der Politik als Beruf heute geworden ist, überhaupt nicht gerecht wird. Von dieser Stimmung aber konnte Joachim Gauck mehr profitieren als von spezifischen Positionen, die man ihm zuschreiben könnte. Dass er durch seine Person, seine Herkunft, sein beeindruckendes rednerisches Talent, einer solchen überparteilichen, aber deswegen nicht ortlosen Rolle brillant gerecht wurde, machte den öffentlichen Erfolg komplett.

Moderne, engagierte, und nun erstmals wieder plebiszitär gestimmte Bürgerlichkeit, das ist es, was die überwältigende Resonanz auf Joachim Gaucks Kandidatur ans Licht brachte. Und das ist schon etwas Neues in der jüngeren deutschen Demokratiegeschichte. Wann hätte nach der Willy-Brandt- Wahl von 1972 eine Person so viel spontane Sympathie auf sich gezogen wie Joachim Gauck?

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  1. Bürger Gauck
  2. Gauck, der Mann der Mittelschicht
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Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 02.07.2010/bavo)