Der Erfolg des Kandidaten Bürger Gauck

Seit Willy Brandt hat kein Politiker mehr so viel spontane Sympathie auf sich gezogen wie Joachim Gauck. Ihm gelingt, woran Merkel und Westerwelle beständig scheitern: Der Bürgerrechtler begeistert die Mitte der Bevölkerung. Seine Biographie und sein Redetalent allein können das nicht erklären.

Von Gustav Seibt

Das parteipolitische Kalkül, das hinter der Nominierung von Joachim Gauck fürs Amt des Bundespräsidenten natürlich stand, ist in glänzender Weise aufgegangen, und zwar in beide Richtungen: Die Einheit im Regierungslager wurde durch das brillante Manöver von Grünen und Sozialdemokraten nachdrücklich in Gefahr gebracht; und die Linkspartei wurde für die Augen jedenfalls der urbaneren Teile der gesamtdeutschen Gesellschaft ihrer konzeptionellen Nichtigkeit überführt.

Diesen Eindruck hat Gregor Gysi durch seinen denkwürdigen Auftritt am Mittwoch vor dem dritten Wahlgang im Reichstag befestigt, als er den grünen Abgeordneten Werner Schulz, einen DDR-Bürgerrechtler, der sich einen kritischen Einwurf zur Enthaltung der Linken erlaubt hatte, vor laufenden Kameras auf eine so autoritär höhnende Weise abfertigte, dass die ohnehin locker sitzende Maske demagogisch plappernder Bonhomie minutenlang abfiel.

In diesen Minuten wurde die Wahrheit hinter der Taktik der Linkspartei offenkundig: Warum hätte ein Gysi, Sohn des Kirchenstaatssekretärs der DDR, für einen renitenten Pastor stimmen sollen, wenn dessen Unterstützer nicht einmal bereit waren, den Funktionär Gysi und die Seinen frühzeitig "anzurufen"? Einen größeren Gefallen hätte Gysi der rot-grünen Konkurrenz gar nicht machen können, als er es mit dieser wütenden Beschwerde tat.

Der große öffentliche und am Ende nicht nur taktische Erfolg, den die Nominierung Gaucks zeitigte, hat einen Hintergrund, der über den parlamentarischen Parteienkampf hinausweist. Vielfach wurde Gauck als "konservativer" Kandidat beschrieben, der eben deshalb die Einheit im schwarz-gelben Lager so eindrucksvoll stören konnte. Aber es ist fraglich, ob diese Beschreibung den Vorgang zutreffend erfasst. Joachim Gauck, der Bürgerrechtler, ist vor allem ein Bürger im politischen Sinn. Er vertritt einen Liberalismus, der sich vom Mittelstands- und Klientel-Liberalismus der FDP, der seit Jahren den Citoyen gegenüber dem Bourgeois vernachlässigt, scharf abhebt.

So lässt sich Gauck in vielen Zügen ebenso gut als linker Bürger beschreiben wie als Konservativer. Die Impulse, die seiner Popularität so zugutekommen, sind heute sogar am ehesten bei den Grünen zu finden, die längst zu einer bürgerlichen Partei geworden sind und - nicht zuletzt in Südwestdeutschland - das Erbe des lokalen, in Vereinen und für konkrete Anliegen engagierten klassischen Honoratiorenliberalismus angetreten haben.

Dieser links-konservativ-bürgerliche Grünenliberalismus ist stark bildungsbürgerlich geprägt, und er passt auch zu jenen Schichten, die in gentrifizierten Stadtquartieren wie dem Prenzlauer Berg in Berlin oder Haidhausen in München modernisierte Familienwerte wiederentdecken, dort die Kirchen mit jungen Leuten füllen und auf nichts so kritisch blicken wie die Schulpolitik in ihrem jeweiligen Bundesland.

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