Von Frank-Walter Steinmeier und Rita Süssmuth

Der Bundesaußenminister und die langjährige Bundestagspräsidentin rufen in einem gemeinsamen Brief dazu auf, eine deutsch-türkische Universität zu Gründen. sueddeutsche.de dokumentiert das Schreiben im Wortlaut.

"Vor einem halben Jahr haben deutsche und türkische Politiker, Unternehmer, Medienschaffende und Künstler die "Ernst-Reuter-Initiative für Dialog und Verständigung zwischen den Kulturen" ins Leben gerufen. Vorgestellt wurde die Ernst-Reuter-Initiative in Istanbul, in einem historischen Palast neben der modernen Brücke über den Bosporus.

Anzeige

Heute, 50 Jahre nach dem Beschluss zum Bau der Bosporus-Brücke, die zum ersten Mal in der Geschichte Europa und Asien auf dem Landweg verbindet, ist es an der Zeit, einen neuen Brückenschlag zwischen Deutschland und der Türkei zu wagen, der nicht nur die Kontinente, sondern die Köpfe und Herzen junger Menschen in der Türkei und in Deutschland noch enger zusammen führt.

Deutsche Universitäten und ausländische Hochschulen kooperieren bereits in zahlreichen Ländern, auch in der Türkei. Aber in der Türkei gibt es noch keine deutsche Universität. Und dies, obwohl Deutschland mit wohl keinem anderen dieser Länder mehr verbindet als mit der Türkei.

Gemeinsam ändern

Das wollen wir jetzt gemeinsam mit der Türkei ändern. Historisch ist die deutsch-türkische Freundschaft über Hunderte von Jahren gewachsen, kulturell sind unsere Gemeinsamkeiten und Verbindungslinien viel größer und zahlreicher, als uns das meistens bewusst ist.

Ob in den "türkischen Elementen" in der Musik Mozarts, dem West-Östlichen Diwan Goethes, ob in den heute in beiden Ländern so erfolgreichen Filmen von Fatih Akin, ob in der Musik und der deutschsprachigen Poesie des jungen Sängers Muhabbet oder in der mit dem deutschen Fernsehpreis geehrten Kultserie "Türkisch für Anfänger": Austausch und gemeinsame künstlerische Arbeit zeichnen unsere beiden Kulturen aus - und sollten das in Zukunft noch stärker tun.

In Wissenschaft und Wirtschaft arbeiten Deutsche und Türken seit Generationen zum gegenseitigen Nutzen zusammen. Es waren deutsche Unternehmer, Juristen, Wissenschaftler und Praktiker, die in der Türkei ganz entscheidend zum Aufbau eines säkularen und modernen Staates beigetragen haben. Die Bosporus-Brücke, die von deutschen Ingenieuren mit entwickelt und von einem deutschen Unternehmen errichtet wurde, ist dafür nur ein Beispiel.

Ein anderes Beispiel ist der Namensgeber der deutsch-türkischen Initiative selbst. Ernst Reuter leistete einen fundamentalen Beitrag zum Aufbau einer modernen Türkei, zur Demokratisierung durch den Aufbau lokaler Selbstverwaltungen, als Berater des Wirtschaftsministeriums und nicht zuletzt als Professor für Städtebau.

Große Tradition auf allen Ebenen

Ernst Reuters Wirken in der Türkei zeigt aber noch ein weiteres Element deutsch-türkischer Beziehungen: Ohne die Freundschaft der Türkei hätten er selbst, hätten Architekten wie Bruno Taut, Wirtschaftswissenschaftler wie Fritz Neumark, Juristen wie Ernst Hirsch, Romanisten wie Leo Spitzer, Musiker wie Paul Hindemith und viele andere die Schrecken des Dritten Reichs kaum überleben können. Die Türkei hat ihnen Schutz gegeben.

Diese große Tradition gilt es auf allen Ebenen fortzusetzen und neu zu beleben -auch aus wirtschaftlichen Gründen. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei. Mehr als 2500 deutsche Unternehmen haben dort investiert. Die deutsche Wirtschaft profitiert mehr als jede andere vom wirtschaftlichen Aufschwung am Bosporus. Unser Außenhandel mit der Türkei wächst jedes Jahr um rund 10% und beträgt 20 Mrd.

Euro. Alle Unternehmen sind auf der Suche nach gut ausgebildeten, interkulturell und interdisziplinär "sprachfähigen" jungen Menschen. Aber es gibt noch nicht genügend junge Menschen, die diese Voraussetzungen in durch entsprechende Studienangebote erwerben können.

Sie brauchen gute Stuien- und Forschungsangebote. Warum wollen wir den Wettbewerb auf dem Bildungsmarkt vorwiegend amerikanischen und angelsächsischen Modellen überlassen? Warum verzichten wir auf Möglichkeiten der Kultur- und Sprachvermittlung, engster Kooperation und des Austausches in Kultur und Wissenschaft?

Deutschland ist in der Türkei zu wenig präsent. Und das, obwohl der Bedarf an zusätzlicher universitärer Ausbildung besonders groß ist: Als kinderreiches und junges Land, das sein Hochschulsystem gegenwärtig zwar stark ausbaut, kann die Türkei zur Zeit nur rund einem Drittel der über 700.000 Schulabsolventen einen Studienplatz an einer der bestehenden 79 Universitäten anbieten.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Plädoyer für einen geographischen Brückenschlag
  2. Seite 2
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...