Von Andrian Kreye

Impulsivität statt Bedacht: McCains hastige Kür seiner Vize Palin zeigt, dass die US-Politik immer öfter aus dem Bauch statt mit dem Kopf gemacht wird.

Es wurde viel schöngeredet beim Parteikongress der Republikaner. Vor allem natürlich die Berufung der Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, zur Vizepräsidentschaftskandidatin für John McCain. Die hastige Wahl der Provinzpolitikerin zeigt vor allem, was für ein enormes Tempo die Entscheidungsprozesse der amerikanischen Politik bekommen haben. Da hat sich ein Rückschritt vollzogen, der eine der größten historischen Leistungen John F. Kennedys revidiert - die grundlegende Veränderung einer Entscheidungskultur, die bis zur Kubakrise eher im Machismo des Duells als in der Tradition der Ratio wurzelte.

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Sinnbild der Bedacht: Der Verteidigungsberater Robert McNamara (links) im diskutiert mit Präsident Lyndon B. Johnson das Für und Wider eines Angriffs in Nord-Vietnam. (© Foto: AP)

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Es war ein gewagter Schritt, den John F. Kennedy tat, als er den 45-jährigen Wirtschaftskapitän Robert McNamara aus der Chefetage des Autokonzerns Ford zum Verteidigungsminister berief. McNamara besaß weder politische noch militärische Erfahrung. Doch der junge Konzernchef stand für eine neue Denkschule. Statt auf die traditionelle Methodik der befehlsgebundenen "Advocacy" stützte er sich auf die untersuchungsgestützte Entscheidungsfindung der "Inquiry".

Durch Expertise bewältigt Clinton die Balkan-Krise

In den archaischen Autoritätsstrukturen von Politik und Wirtschaft war dies zu Beginn der sechziger Jahre eine Revolution. Doch die Ergebnisse sprachen für sich. Mit einem Stab junger Manager, der als "The Whiz Kids" bekannt wurde, rettete McNamara den Fordkonzern vor dem Ruin. Nur zwei Jahre später war es seine neue Methodik, die die Welt vor einem Atomkrieg bewahrte.

Im Sommer 1962 schickte sich die Sowjetunion an, auf Kuba Atomraketen in Stellung zu bringen. Kennedy reagierte sofort. In Florida marschierten 100.000 US-Soldaten auf. Zwei Flugzeugträger setzten sich in Richtung Kuba in Bewegung. Buchstäblich mit den Fingern auf dem atomaren Knopf standen sich die Supermächte gegenüber.

Kennedy verließ damals den traditionellen Dienstweg. Er berief einen Beraterstab, den er das "Executive Committee" nannte. Neben McNamara gehörten dem Stab sein Bruder, der Justizminister Robert Kennedy, Außenminister David Dean sowie acht weitere Männer an. Kennedy selbst kam nicht zu den Sitzungen, verweigerte auch den Experten aus den Ministerien den Zugang. Erst am Ende jedes Tages stieß Kennedy zu den elf Männern und traf auf ihren Rat hin seine Entscheidungen.

Es war nicht zuletzt die sorgfältige, bedachte Arbeit dieses Beraterstabes, der die Situation entschärfte. 13 Tage nach Ausbruch der Kubakrise deeskalierte die bis zur Zerreißprobe gespannte Weltlage, ohne dass eine der beiden Supermächte das Gesicht verlieren musste. Von da an galt McNamaras Methodik als Maxime der Entscheidungsfindung.

Die rechte Hirnhälfte dominiert

George Bush der Ältere führte seinen Golfkrieg 1991 gerade deshalb so erfolgreich, weil er sich auf seine außenpolitischen und militärischen Berater verließ. Der außenpolitisch eher ungeschickte Bill Clinton bekam die Balkankrise in den Griff, weil er sich darauf verstand, seine Beraterstäbe brillant zu besetzen.

Den Rückschritt zum autoritären Führungsstil im Weißen Haus und im Pentagon vollzogen George W. Bush und Donald Rumsfeld. Bush versteht sich meisterhaft darauf, Entscheidungen rasch zu fällen und sie dann konsequent durchzusetzen. Rumsfeld wiederum räumte mit der Diskussions- und Beratungskultur im Pentagon auf. Bush und Rumsfeld hörten Experten nur dann an, wenn sie ihnen Legitimationen und Begründungen für ihre einmal getroffenen Entscheidungen liefern konnten. Was letztlich in die Katastrophe des Irakkrieges führte.

Katastrophe hin oder her - man darf den Einfluss eines Präsidenten auf den amerikanischen Zeitgeist nicht unterschätzen. So gilt die Bauchentscheidung seit einigen Jahren nun auch in der Wirtschaft und der populären Psychologie als Wunderwaffe gegen Informationsüberflutung und lähmende Entscheidungsprozesse.

Der Intuition wird aber nicht nur eine befreiende Kraft zugeschrieben, sie soll auch, ganz nach gängigem Vorurteil, eine gewisse weibliche Komponente in die männliche Welt der Entscheidungsträger bringen. Dabei gilt die Bauchentscheidung in dieser Welt eher als Ausdruck von draufgängerischer Tatkraft. Von den Erfolgsgeschichten entschlusskräftiger Wirtschaftsgrößen bis zu den reaktionsschnellen Actionstars im Kino hat der Zeitgeist einen Archetyp des Helden geschaffen, der aus der Hüfte schießt und keine Fragen stellt.

Autokratischer Stil der Bush-Regierung

Unterstützt wird dieses Heldenbild des Bauchentscheiders durch eine ganze Reihe wissenschaftlicher Bestseller. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Gerd Gigerenzer, zeigt beispielsweise in seinem Buch "Bauchentscheidungen" anhand von Experimenten und Fallstudien, dass rasche Entscheidungen oft zu besseren Ergebnissen führen. "Ein Großteil unseres geistigen Lebens vollzieht sich unbewusst und beruht auf Prozessen, die nichts mit Logik zu tun haben", schreibt er. Die Schachduelle zwischen Mensch und Computer seien perfekte Beispiele dafür, dass sich das menschliche Denken nicht einfach nach den Regeln der Vernunft erklären lasse.

Ähnlich argumentiert Malcolm Gladwells "Blink - die Macht des Moments", das sich wochenlang auf Platz eins der amerikanischen Bestsellerliste hielt. Die wichtigsten Entscheidungen, so heißt es da, werden innerhalb von Sekundenbruchteilen getroffen. Und Daniel Pinks "A Whole New Mind: Why Right-Brainers Will Rule the Future" sieht gar eine neue Ära des von der rechten Hirnhälfte dominierten Denkens anbrechen, die vom Informationszeitalter in ein Zeitalter kühner Gedanken führen wird.

John McCain und sein Wahlkampfteam haben die Rechtshirn-Methodik offensichtlich so weit verinnerlicht, dass sie die elementarsten Regeln des amerikanischen Wahlkampfes außer Acht ließen, um mit der jungen Konservativen aus Alaska die enttäuschten Hillary-Clinton-Anhänger für sich zu gewinnen. Doch US-Wahlkämpfe werden von so genannten "Opposition Research"-Spezialisten bestimmt. Diese Rechercheure schürfen tief in der Vergangenheit des Gegenkandidaten, um dort Material zu finden, mit dem er sich unmöglich machen lässt. Erstes Gebot ist deswegen für jede Partei, den eigenen Kandidaten erst einmal zu durchleuchten, um auf alle Angriffe vorbereitet zu sein.

Das aber haben McCains Leute versäumt. So meldete sich noch am Sonntag ein ganz verdutzter Opposition Researcher der Demokraten beim liberalen Onlinemagazin Huffington Post. Er habe gerade bei der Lokalzeitung aus Sarah Palins Heimatort Wasilla recherchiert. Dort sei er der erste gewesen, der die alten Artikel aus dem Archiv gegraben habe, das nur in kleinen Teilen online zugänglich sei. Die Washington Post meldete dann am Mittwoch, McCains Team habe die zukünftige Vizekandidatin erst am Tag vor ihrer Berufung befragt und nur oberflächliche Background Checks angestellt. Mit etwas geschickter Rhetorik lässt sich die Schlappe nun sicher schön reden. Eines aber hat der als Choleriker berüchtigte Kandidat McCain nun bewiesen: Er wird die impulsive autokratische Denkschule der Bush-Regierung zu neuen Höhepunkten führen.

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(SZ vom 05.09.08/vb)