Denkmal-Diskussion "Hauptstädte sind nun mal der Ort der Erinnerung"

Berlin ist der richtige Platz für ein Denkmal zur deutschen Einheit, sagt der Theologe und Vorsitzende der Deutschen Nationalstiftung, Richard Schröder, im Gespräch mit der Sueddeutschen Zeitung. Und er möchte, dass ein solches Mahnmal an mehr als an den Mauerfall erinnert.

Interview von Philip Grassmann

SZ: Herr Schröder, warum hat es fast zwanzig Jahre gedauert, bis über ein Denkmal zur deutschen Einheit diskutiert wird?

Schröder: Die Franzosen haben ihren Nationalfeiertag auch erst viele Jahre nach dem Sturm auf die Bastille eingeführt. Die Erinnerung muss zeitlich ein Stück weit entfernt sein von der Hektik der Umstellung nach einem historischen Ereignis. Wir nähern uns jetzt offenkundig diesem Zeitpunkt.

SZ: Wie hat sich der Blick auf die Ereignisse vor 18 Jahren geändert?

Schröder: Ich hatte anfangs den Eindruck, dass viele in Westdeutschland das Epochale dieser Geschehnisse gar nicht wahrgenommen haben. Da war irgendetwas passiert, was man im Fernseher sah. Im Osten haben zwar alle gemerkt, dass was passiert ist. Aber im zweiten Akt wurde es für viele unerfreulich. Bis heute wird der Freiheits- und Wohlstandsgewinn unterschätzt. Aber immer mehr Leuten wird bewusst, was für epochale Umwälzungen mit dem Mauerfall verbunden gewesen sind.

SZ: An was soll das Denkmal denn nun erinnern?

Schröder: Ich meine, es sollte ein Einheits- und Freiheitsdenkmal sein. Wollte man nur an die Wiedervereinigung erinnern, würde das zu kurz greifen. Es geht doch auch darum, was in der DDR vor dem Fall der Mauer passiert ist. Und es gibt eine europäische Komponente: Solidarnosc in Polen, die Ungarn, Michael Gorbatschow und viele andere haben zur Einheit beigetragen. Wir haben die Einheit ja nicht aus eigener Machtvollkommenheit erreicht. Eine nationale Sichtweise ist mir deshalb zu eng.

SZ: Das wäre dann aber ein Denkmal für die Einheit Europas.

Schröder: Nein, das sehe ich anders. Die Einheit Deutschlands und die Einheit Europas sind doch miteinander untrennbar verbunden.

SZ: Ist Berlin der richtige Ort für so ein Denkmal?

Schröder: Es hat in Deutschland viele Orte gegeben, an denen es wichtige Ereignisse gab, zum Beispiel die Leipziger Montagsdemonstrationen. Aber die Einheit wurde von der freigewählten Volkskammer in Berlin beschlossen. Außerdem ist Berlin die Hauptstadt des Landes und damit auch die Hauptstadt unserer Erinnerungskultur.

SZ: Aber besteht nicht die Gefahr, dass Berlin mit Gedenkstätten überfrachtet wird?

Schröder: Nein, das glaube ich nicht. Hauptstädte sind nun mal der Ort, wo an historische Ereignisse erinnert wird.

SZ: Es gibt in Berlin die Mauer-Gedenkstätte. Reicht das nicht aus?

Schröder: Man kann doch nicht mit der Mauer an ihren Fall erinnern. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Das eine war schmerzlich, das andere war erfreulich. Und so weit ich weiß, haben wir Deutschen noch überhaupt kein Denkmal, das an etwas Erfreuliches erinnert. Früher gab es Heldengedenken, das war immer ambivalent. Dann gab es die Denkmäler an die deutsche Einheit von 1871, die ja bekanntlich auf dem Schlachtfeld erreicht wurde. Und es gibt natürlich die Gedenkstätten an die Untaten der Nationalsozialisten und des SED-Regimes. Wir sollten nun den Test machen, ob wir nicht auch in der Lage sind, an ein erfreuliches Ereignis angemessen zu erinnern.

SZ: Wie soll man sich da auf ein gemeinsames Konzept einigen?

Schröder: Wir brauchen eine gründliche öffentliche Diskussion. Das Denkmal soll zum 20. Jahrestag des Mauerfalls im Jahr 2009 stehen. Das ist sehr ehrgeizig. Aber wenn es erst zum 25. Jahrestag fertig wird, geht davon die Welt auch nicht unter.