Demonstration in Dresden 35 000 gegen Pegida und für Mitmenschlichkeit

Deutliches Zeichen gegen Pegida: Etwa 35 000 Menschen komen am Samstag zur Dresdner Frauenkirche, um für Toleranz und Mitmenschlichkeit zu demonstrieren.

(Foto: imago/epd)
  • 35 000 Menschen versammeln sich in Dresden rund um die Frauenkirche, um gegen Pegida zu demonstrieren.
  • Zu der Veranstaltung hatten Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich und die Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz aufgerufen. Kirchen, Verbände und Kulturinitiativen hatten sich angeschlossen.
  • Einige Anti-Rassismus-Initativen blieben der Kundgebung bewusst fern. Sie kritisieren Tillich dafür, dass er Verständnis für Pegida geäußert hatte.
Von Ulrike Nimz, Dresden

Es geht darum, eine Botschaft, ein starkes Bild zu senden. Und das, so viel kann man sagen, ist Dresden gelungen. 35.000 Menschen sind dem Veranstalter zufolge am Samstag vor die Frauenkirche gezogen, um für Weltoffenheit und Toleranz zu demonstrieren. Als die Zahl der Teilnehmer das erste Mal genannt wird, geht ein Gefühl der Genugtuung durch die Menge. 18.000 Menschen hatte Pegida am Montag zuvor auf die Straße gebracht. Jetzt sind es fast doppelt so viele.

Der Termin für die Rehabilitation Dresdens war mit Bedacht gewählt. Die Innenstadt ist am Samstag ohnehin voller Flaneure, und - was vielleicht noch wichtiger ist - pünktlich zur nächsten Pegida-Demo am Montag werden auch die Zeitungen voll sein mit Bildern vom Menschenmeer rund um die Frauenkirche, mit Bildern vom "wahren Dresden", so die nachvollziehbare Hoffnung der Initiatoren. Sogar den Schlagersänger Roland Kaiser haben sie dafür auf die Bühne geholt, nach eigener Aussage "ein Freund dieser Stadt". Wenn er am Elbufer seine Konzerte gibt, kommen Tausende.

Ertragen oder respektieren - Wie soll Gesellschaft auf kulturelle Vielfalt reagieren?

Der Terroranschlag in Paris wirft wieder mal die Frage auf, wie eine multikulturelle Gesellschaft aussehen sollte. Wie begegnet man fremden Kulturen und Religionen wie dem Islam in einer freiheitlichen Gesellschaft adäquat? Genügt es, sie zu tolerieren, oder sollte man sie anerkennen und respektieren? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Zur Demo aufgerufen hatten Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Oberbürgermeisterin Helma Orosz (beide CDU). Kirchen, Verbände und Kulturinitiativen boten ihre Unterstützung an. Die Liste der Redner ist lang an diesem Nachmittag, doch am Anfang ist Schweigen. Eine Minute Stille für die Opfer des Terroranschlages von Paris. "Wir lassen uns vom Hass nicht spalten", sagt Helma Orosz in ihrer Begrüßungsrede. "Ich bin nicht gekommen, weil ich gegen Menschen bin, die zu Pegida gehen, sondern weil ich keine Angst vor Menschen habe, die eine andere Hautfarbe, andere Sitten oder Gebräuche haben."

Transparente mit Kritik an der CDU-geführten Landesregierung

Orosz bekommt viel Applaus - schon wieder. Erst Anfang Dezember hielt sie im Stadtrat eine bemerkenswerte Rede gegen Pegida. Dafür gab es Applaus von allen Fraktionen. Doch es gibt auch Kritik an der CDU. Auf den Transparenten vor der Frauenkirche ist teils unverhohlene Kritik am Kurs der Landesregierung zu lesen: "Schön, dass ihr auch schon da seid" und "Danke CDU! Die Geister, die ich rief..."

Tatsächlich hat die sächsische Landesregierung im Umgang mit Pegida lange gezögert. Tillich hatte es zunächst abgelehnt, zu "Anti-Pegida"-Demonstrationen aufzurufen oder gar an ihnen teilzunehmen. Stattdessen äußerten er und auch einige seiner Minister immer wieder Verständnis für die "besorgten Bürger", die sich der Pediga-Bewegung angeschlossen haben.

Auch deshalb hatte sich das Bündnis "Dresden Nazifrei" zuvor von der Veranstaltung distanziert und war stattdessen ins 60 Kilometer weiter östlich gelegenen Bautzen gereist, um einen Aufzug der Partei "Die Rechte" zu stören. Denn nicht nur Dresden hat Probleme mit Rechtspopulisten dieser Tage. Am Montag will in Leipzig die Gruppe "Legida" auf die Straße gehen. Sie ist so etwas wie der rechte Arm von Pegida, im Ton um einiges schärfer, in den Reihen bekannte Neonazis.

Tillich redet von Heimat - und von Überfremdung

Am Samstag tritt Tillich als letzter Redner auf. Und er ist der einzige unter den 35.000, der nicht nur mit dem auffrischenden Wind, sondern auch mit Buhrufen zu kämpfen hat. Eine Gruppe von Demonstranten fordert lautstark und rhythmisch einen "Abschiebestopp". Viele vor ihm haben deutlichere Worte gefunden. Eric Hattke, Student und Sprecher des Bündnisses "Dresden für alle", das sich immer montags den Pegida-Demonstranten entgegenstellt, fordert mehr politische Taten statt warmer Worte. Khaldun Al Saadi, in Chemnitz geboren und jetzt als Sprecher der islamischen Zentrums in Dresden tätig, beklagt, dass er sich noch immer für seinen Glauben rechtfertigen müsse, ein Dialog in dieser Stadt fehle: "Toleranz wächst doch aus uns selbst."

In Tillichs fünfzehnminütiger Rede fällt oft das Wort Heimat. Flüchtlinge dürften bei ihrer Ankunft in Sachsen nicht mit neuen Ängsten konfrontiert werden. Aber die "Ängste vor Überfremdung" gelte es ebenfalls ernst zu nehmen. Am Ende der zweieinhalbstündigen Kundgebung stehen also zwei Dialogangebote, einmal an die "Patriotischen Europäer" und einmal an alle anderen Dresdner.

Als die Reggae-Band "Yellow Umbrella" die Massen mit einem No-Pegida-Song in Bewegung setzt, wippt Helma Orosz mit. Der Ministerpräsident steht da wie eine Statue seiner selbst.