Democracy Lab Bedrohen Flüchtlinge unsere Leitkultur?

Einige Menschen befürchten die Ausbreitung von Parallelkulturen und den Verlust der kulturellen und nationalen Identität. Protestbewegungen warnen vor einer "Islamisierung" durch Migranten.

Die Zahlen sprechen dagegen, dass muslimische Flüchtlinge und Zuwanderer Deutschland stark verändern. 82,7 Millionen Menschen leben in der Bundesrepublik, die Zahl der Muslime schätzte das BAMF Ende 2015 auf 4,4 bis 4,7 Millionen. Das sind weniger als sechs Prozent. Selbst wenn alle wahlberechtigten Muslime für eine Islam-Partei stimmten, würde die es wohl kaum in den Bundestag schaffen - geschweige denn eine Mehrheit zustande bringen, um Gesetze zu beschließen.

Gruppen mit dem gleichen religiösen, nationalen oder ethnischen Hintergrund schotten sich manchmal von der Gesellschaft ab. Solche Parallelgesellschaften sind auch eine Reaktion auf die Ablehnung der Identität von Menschen durch die Mehrheitsgesellschaft. Unter Muslimen in Deutschland sind sie kaum verbreitet: 78 Prozent von ihnen haben in ihrer Freizeit häufig oder sehr häufig mit Nichtmuslimen zu tun.

Manche Auslegung des Islam lässt sich nicht mit den Gesetzen, Regeln, Normen und Werten in unserem Land vereinbaren. Die Diskriminierung von Frauen hat in unserer aufgeklärten Gesellschaft nichts verloren. Dass Frauen ihr Gesicht verhüllen und den Handschlag verweigern, entspreche nicht dem Miteinander, das bei uns gepflegt wird. "Wir sind nicht Burka", meint Thomas de Maizière.

Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung spricht aber anderen Auslegungen zufolge eher gegen ein Burka-Verbot: Zwar darf keine Frau gedrängt werden, Kopftuch oder Burka zu tragen. Aber keine, die das freiwillig tut, sollte gezwungen werden, sie abzulegen.

Union und AfD wollen eine Leitkultur, an der sich alle orientieren, damit das kulturelle Erbe Deutschlands mit seinen bedeutenden Philosophen, Wissenschaftlern und Künstlern erhalten bleibt, und das in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung.

Die Kultur anderer Nationen beeinflusste schon immer die deutsche Gesellschaft und umgekehrt. Es ist schwierig, eine nationale Leitkultur zu bestimmen oder eine deutsche Identität zu definieren. Herkunft, Sprache, Religion, Musik oder Literatur sind hier so vielfältig, dass sich kaum spezifische Merkmale einer deutschen Identität identifizieren lassen. Menschen, die aus anderen Kulturen zu uns kommen, können unsere bereichern.

Eine "alltägliche Kultur des Respekts, der Anerkennung, der Kooperation" fordert der Philosoph Julian Nida-Rümelin. Einen Respekt, der allerdings nur solche Weltanschauungen gezollt wird, die die Menschenrechte in vollem Umfang anerkennen, wie der Philosoph Michael Schmidt-Salomon sagt.

Zur christlichen und jüdischen Prägung unseres Landes kommt die durch die Aufklärung hinzu, die zur Glaubens- und Religionsfreiheit, zur Meinungsfreiheit und der Unantastbarkeit der Würde des Menschen geführt hat. Alle diese Werte können auch Muslime in Anspruch nehmen. Markus C. Schulte von Drach

Grafik: Benedict Witzenberger

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