"Fußvölker der Vernichtung": Im Demjanjuk-Prozess beschreibt ein Historiker, wie die SS Hilfstruppen rekrutierte.
Historiker haben ihnen einprägsame Namen gegeben: Sie heißen "Handlanger der Endlösung" oder "Fußvölker der Vernichtung". Die Rede ist von jenen laut Nazi-Jargon "fremdvölkischen Hilfswilligen", die in unterschiedlicher Funktion an der "Aktion Reinhardt", der systematischen Ermordung aller Juden und Roma im besetzten Polen mitwirkten.
Bild vergrößern
Nach Überzeugung der Anklage war John Demjanjuk von März bis September 1943 im Vernichtungslager Sobibor als Wachmann an der Ermordung von 27900 Juden beteiligt. (© Foto: Reuters)
Anzeige
Im Prozess gegen den mutmaßlichen KZ-Schergen John Demjanjuk richtete sich am Mittwoch der Fokus auf die sogenannten Trawnikis, die unter dem Befehl der SS als Wachmannschaften in Vernichtungslagern tätig waren.
Nach Überzeugung der Anklage war der gebürtige Ukrainer Demjanjuk von März bis September 1943 im Vernichtungslager Sobibor als Wachmann an der Ermordung von 27900 Juden beteiligt. Vor seinem Dienst in Sobibor soll der heute 89-Jährige im SS-Lager Trawniki in der Nähe von Lublin ausgebildet worden sein.
Der als Sachverständige geladene Historiker Dieter Pohl schätzt die Zahl der Trawnikis auf insgesamt etwa 4800 Mann. Rekrutiert wurden sie überwiegend aus Kriegsgefangenen, für die das Angebot oft der einzige Ausweg vor dem beinahe sicheren Tod war. Von den 3,7 Millionen gefangenen Rotarmisten Ende 1941 waren bis Mitte 1942 bereits die Hälfte an Hunger, Seuchen und Krankheiten gestorben.
Die Auswahl erfolgte bevorzugt nach sogenannten rassischen Kriterien, daneben waren Deutschkenntnisse, der körperliche Zustand und eine "antibolschewistische Einstellung" ausschlaggebend. "Aus Sicht der Deutschen wurde zuverlässiges Personal gesucht", so Pohl. Neben Ukrainern und sogenannten Volksdeutschen aus der Sowjetunion waren es vor allem Esten, Balten und Letten, die von Ende 1941 an ausgebildet wurden.
Jeder Wachmann bekam einen Karabiner, es gab Urlaub, Ausgang, freie Verpflegung und pro Monat 15 bis 45 Reichsmark Sold. Pohl zufolge war es um die Disziplin der Truppe nicht sonderlich gut bestellt. Alkoholismus, Diebstahl, und vor allem "unerlaubtes Entfernen" von der Truppe seien an der Tagesordnung gewesen. Als Sanktionen drohten Prügelstrafen und Arreste, bei Desertionen auch die Todesstrafe. "Wer mit der Waffe flüchtete, wurde in der Regel erschossen oder vor versammelter Mannschaft erhängt", so Pohl. "Unzuverlässige" Trawnikis seien auch zurück ins Lager geschickt worden. Aus Sicht der Verteidiger spielen diese Umstände eine gewichtige Rolle. Sie verweisen darauf, dass Demjanjuk - angenommen, dass er tatsächlich in Sobibor Dienst leistete - keine andere Wahl gehabt hätte, als den Anweisungen der SS Folge zu leisten. Dem steht jedoch gegenüber, dass zahlreiche Trawnikis lieber flüchteten als weiter am Massenmord mitzuwirken. Laut Pohl gab es in Sobibor etliche Fluchtversuche von Trawnikis, von denen einige sogar erfolgreich waren.
Eine weitere zentrale Frage in dem Prozess ist die nach der konkreten Beteiligung Demjanjuks am Massenmord in Sobibor. Einem Dienstausweis zufolge soll er dort im März 1943 angekommen sein. Laut Pohl zählte die Bewachung des Lagers zu den vordringlichsten Aufgaben der Trawnikis. Immer dann, wenn Transportzüge mit Juden eintrafen, mussten sie beim Entladen helfen und die Opfer in die Gaskammern eskortieren.
"Alle Wachmänner kamen dran bei der Vernichtung von Menschen", zitierte Pohl aus der Aussage eines ehemaligen Trawniki, dem nach dem Krieg in der Sowjetunion der Prozess gemacht und der später hingerichtet wurde. Der Historiker verwies indes auch darauf, dass Vorgänge in Sobibor nur "sehr lückenhaft" dokumentiert seien. Von den Akten sei heute nur noch ein "Bruchteil" erhalten, Unterlagen über eventuelle Strafen gegen Trawnikis gebe es "so gut wie nicht mehr". Der Prozess wird an diesem Donnerstag mit der weiteren Vernehmung von Pohl fortgesetzt.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Demjanjuk-Prozess RSS
- Demjanjuk-Prozess "Der einzige Zweck war Ermordung" 12.01.2010
- Demjanjuk: Verteidiger streiten "Kommen Sie auf unsere Seite!" 21.12.2009
- Demjanjuk-Prozess Die Last der Überlebenden 21.12.2009
- München Demjanjuk-Prozess wird ausgesetzt 02.12.2009
- Demjanjuk-Prozess Obskures Mal am Oberarm 20.04.2010
- Prozess gegen John Demjanjuk Zoff um den Ausweis 14.04.2010
- Demjanjuk-Prozess "Wir hörten die Schreie aus den Gaskammern" 19.01.2010
(SZ vom 14.01.2010/segi)
Youtube-Hit aus USA
Sehr richtig, man möchte fast hinzufügen:
...durften bis in die 70er Jahre IN DER CDU in der BRD munter Schlüsselpositionen besetzen.
Auf den Fotos von Demjanjuk kommt der Mann stets als arroganter Machtmensch rüber, selbstgerecht, hochmütig und berechnend. Heute hieß es im Radio man hätte von offizieller Seite keinen Anhaltspunkt dafür daß Demjanjuk eine Krankheit vortäusche um sich so der Bestrafung zu entziehen.
Ich für meinen Teil finde es aber schon merkwürdig wie der Kerl doch noch im April letzten Jahres drüben in Amerika, solange er sich vor der hiesigen Strafverfolgung in Sicherheit wähnte gutgekleidet und ohne jede fremde Hilfe herumlaufen und selbständig mit dem Auto zum Supermarkt fahren konnte, aber jetzt binnen so kurzer Zeit zu einem Tattergreis verfallen sein soll der im Gerichtsaal auf sein "Krankenbett" angewiesen ist.
Da fehlt mir nur noch die Schnabeltasse um das Bild abzurunden. Was sonst würde ein zynischer Anwalt seinem Mandanten in so einer Situation raten? Schön einen auf todkrank machen. Sollte ja wohl der allervielversprechendste Ansatz einer Strafvermeidung in diesem Falle sein. Wer tut schon einem armen alten kranken Mann was?
Die für mich einzig entscheidende Frage in dem Prozeß dürfte sein ob er es genossen hatte all diese Menschen zu ermorden. Es ist absolut denkbar daß er das nur tat um nicht selber zu sterben. Aber man weiß, zum Beispiel auch vom KZ Dachau, daß es Kapos gab, Vorsteher ihrer Mit-KZ-Insassen also, die mit großer Lust und ohne dazu veranlasst worden zu sein ihre Macht nutzten um so ihren ganz privaten perversen Sadismus an Mithäftllingen abreagieren zu können.
Die Beweisführung dürfte in der Hinsicht - ohne persönliche Augenzeugen der damaligen Taten und Haltung Demjanjuks, schwierig bis fast unmöglich werden.
Diese Verhandlung ist eine Farce. Lächerlich, ich frage mich, was damit wirklich bezweckt wird.
Was hätte man denn dann mit Hans Filbinger machen sollen, der noch in den letzten Kriegstagen als NS-Richter Deserteure mit dem Tod bestrafte? Lebenslänglich? Todesstrafe? Nein, Herr Filbinger wurde Ministerpräsident Baden-Württembergs. Auch Kiesinger, Buback (ja auch Buback), Eisele, uvm, alles Leute, die freiwillig NSDAP Mitglieder wurden und nicht unter Androhung der Todesstrafe ihren NS Dienst verrichteten, durften bis in die 70er Jahre in der BRD munter Schlüsselpositionen besetzen.
war die Beteiligung Demjanjuks an den Massenmorden nach Ansicht seiner Verteidiger reine Notwehr. Muss er deshalb nicht freigesprochen werden?
Es ist doch einfach nicht zu fassen.