Demjanjuk-Prozess "Wir hörten die Schreie aus den Gaskammern"

Zwei Sobibor-Opfer erzählen von ihrem Überlebenskampf im Vernichtungslager. - Doch an KZ-Wächter können sie sich nicht erinnern.

Sie waren wohl zur selben Zeit im NS-Vernichtungslager Sobibor - der eine als Häftling, der andere, den Ermittlern der Münchner Staatsanwaltschaft zufolge, als Wachmann. Nun treten sich Thomas Blatt und John Demjanjuk erneut gegenüber. Diesmal sagt der heute 82 Jahre alte Blatt als Zeuge im Prozess gegen den mutmaßlichen Peiniger von einst aus. Dem 89-jährigen Demjanjuk wird Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen vorgeworfen. Eine konkrete Erinnerung an den Angeklagten als Wächter habe er aber nicht, räumte Blatt ein.

Der 82-Jährige hat den Terror des NS-Vernichtungslagers im besetzten Polen als Jugendlicher überlebt. "Wir haben niemals geweint in Sobibor" - denn wer weinte, wurde erschossen. Jetzt als Zeuge und Nebenkläger stellt er klar: "Ich suche nicht Rache, ich suche Gerechtigkeit."

Und Wahrheit: Es sei wichtig für die nachfolgenden Generationen, dass Sobibor nicht in Vergessenheit gerate. Unter den in Sobibór Ermordeten befanden sich auch die Eltern und der jüngere Bruder von Thomas Blatt. In einer Mischung aus Deutsch, Englisch und Jiddisch berichtet der 82-jährige von seinen Erlebnissen. Vor sich hat er einige seiner Bücher aufgestapelt, in denen er seine Geschichte aufgeschrieben hat.

"Es war die Endstation"

Auch der zweite geladene Zeuge und Überlebende von Sobibor, Philip Bialowitz, 84, sagt: "Ich bin hier, um zu erzählen, wofür Sobibor steht." Blatt und Bialowitz, beide aus dem rund 70 Kilometer entfernten Ort Izbica, wurden als Arbeitshäftlinge ausgewählt und entgingen so dem sofortigen Tod. Bei einem Aufstand im Oktober 1943 konnten sie nach Monaten des Schreckens fliehen.

Heute leben beide in den USA, treffen sich bei Gedenkveranstaltungen. Sobibor habe überhaupt nicht wie ein Vernichtungslager gewirkt - es gab Blumen und war nicht schmutzig. Dennoch wussten beide schon bei ihrer Ankunft, dass sie und ihre Familien nun dem Tod geweiht waren.

Denn anders als die Tausenden niederländischen Juden, die ahnungslos in vollgepferchten Zügen ankamen und sogar klatschten, als die SS-Leute sich für die Unannehmlichkeiten der Reise entschuldigten, hatte sich in Polen die Vernichtungsaktion herumgesprochen. "Es war die Endstation. Aber ich war jung und wollte überleben", sagt Bialowitz.

Hoffnung auf Flucht

Blatt erzählt vor Gericht, wie er als schmächtiger 15-jähriger Arbeitshäftling Kleidung sortierte. Zu seinen Aufgaben zählte auch, Frauen in einer Baracke an der "Himmelfahrtsstraße" vor den Gaskammern die Haare abzuschneiden. "Wie kannst du das tun, du hilfst ihnen", hätten ihn polnische Frauen dabei gefragt, berichtet Blatt.

Mit Bajonetten hätten die Hilfswilligen der Nazis, zu denen Demjanjuk gezählt haben soll, die Menschen zu den Gaskammern getrieben. "Wir hörten die Schreie aus den Gaskammern." Zeitweise schöpfte er Hoffnung, beim Holzschlagen für die Verbrennung der Leichen fliehen zu können. "Ich habe gedacht, wenn ich da draußen bin, kann ich vielleicht weglaufen."

Doch die Präsenz der bewaffneten Wachmänner, oft Ukrainer wie Demjanjuk, sei zu stark gewesen. Ein Fluchtversuch von Juden wurde mit Erschießung geahndet. "Die Arbeit in Auschwitz war schwerer. Aber der Terror war in Sobibor schlimmer", fasst Blatt das Grauen zusammen.

Großes Problem der Anklage

Noch bevor der Vorsitzende Richter jedoch mit der Befragung der Zeugen beginnen kann, trägt Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch erneut eine Vielzahl von Anliegen vor. Diesmal will er die Zulassung des US-amerikanischen Zusatzanwalts von Blatt und Bialowitz verhindern. "Er ist in ein Justizkomplott gegen meinen Mandanten verwickelt", begründet Busch sein Vorgehen. Alt schiebt die Entscheidung über den Einspruch zunächst hinaus.

Er und Bialowitz sind wichtige Zeugen, drei Tage sind für ihre Vernehmung angesetzt. Beide können über das Lager und das Verhalten der Hilfswilligen berichten, auch Trawniki benannt nach dem gleichnamigen SS-Ausbildungslager. Doch ein großes Problem der Anklage können auch sie nicht lösen: Es gibt niemanden, der sich an Demjanjuk als Wachmann in Sobibor konkret erinnern kann. Auch die beiden können ihn nicht wiedererkennen - die Vorkommnisse sind immerhin gut 66 Jahre her.

Hauptbeweismittel der Anklage bleibt deshalb ein SS-Dienstausweis mit dem Namen Demjanjuk; Dienstausweis Nr. 1393 und Verlegungslisten, nach denen Demjanjuk am 26.3.1943 von Trawniki nach Sobibor und am 1.10.1943 ins KZ Flossenbürg verlegt wurde. Die Originallisten seien mittlerweile in München eingetroffen, sagt der Vorsitzende Richter Ralph Alt. Sie sollen im Februar im Beisein eines Historikers in Augenschein genommen werden.