Von Dieter Degler

Wir und unsere Politiker werden täglich dümmer - das fällt in Zeiten der Krise besonders auf. Denn niemand, weder die Politiker noch ihre Experten, hat überzeugende Antworten auf die Krise.

Es ist in diesen Tagen nicht leicht, Politiker zu sein - auch wenn ja keiner gezwungen wird, diesen Job auszuüben. In guten Zeiten, wenn die Arbeitslosenzahlen sinken, die Wirtschaft floriert und die Steuereinnahmen sprudeln, macht Macht vielleicht sogar Freude. Allerdings auch dann mit sinkender Tendenz.

Bild vergrößern

Von Henry Paulson und Barack Obama über Gordon Brown und Nicolas Sarkozy bis hin zu Angela Merkel und all ihren Experten - keiner hat Antworten auf die Herausforderungen der Krise. (© Foto: AFP)

Anzeige

Denn die Anforderungen an die Administratoren der Gesellschaft wachsen exponentiell. Alle vier Jahre verdoppelt sich das verfügbare Weltwissen, und selbst wenn man den Informationsmüll herausrechnet, sind die Grenzen der menschlichen Aufnahme- und Verarbeitungskapazitäten längst überschritten.

Wir funktionieren nur deshalb leidlich, weil unser Gehirn hinreißend gut auswählt. Tatsächlich aber werden wir, gemessen an dem, was wir wissen könnten, täglich dümmer.

Die Vermehrung des neuen Wissens trifft zwar alle - vom Arbeiter über den Steuerberater bis zum Molekularbiologen. Aber nirgendwo wirkt sich die Diskrepanz zwischen den verfügbaren und nutzbaren Fakten so dramatisch aus wie an der Spitze der Gesellschaft. Dort, wo nicht erst seit Helmut Kohl die Generalisten wirken, fallen jene Entscheidungen, an deren Qualität die allerhöchsten Anforderungen zu stellen sind.

Dass dort im Regelfall, zumal während einer großen Koalition, keine zufriedenstellenden und sachgemäßen Kompromisse ausgemendelt werden, daran haben wir Deutschen uns gewöhnt. Wir leben insgesamt - vor allem im internationalen Vergleich - nicht so schlecht damit.

Jetzt, in der ersten Phase der großen Krise fällt der Mangel an Sachkunde aber besonders auf, weil er das Berliner Spitzenpersonal in ein für jedermann spürbares Dilemma treibt: Einerseits sollen und wollen die Akteure angesichts des heraufziehenden ökonomischen Unwetters Optimismus verbreiten, weil ja im Grundkurs der politischen Psychologie gelernt ist, dass gute Stimmung schon der halbe Weg zur Besserung der Lage ist. Andererseits darf das Publikum noch immer erwarten, dass die Gewählten sich bei dem, was sie verkünden, an die Wahrheit halten.

Genau das bringt die Wissenszwerge unter Druck: Denn die Wahrheit ist, dass niemand - von Henry Paulson und Barack Obama über Gordon Brown und Nicolas Sarkozy bis hin zu Angela Merkel und all ihren Experten - eine Antwort auf die Herausforderungen der Krise hat. Gestern noch verkündeten Wirtschaftsweise ein moderates Wachstum, heute schwanken die Prognosen zwischen massiver Schrumpfung und Depression.

Es kann also sein, dass Inder, Chinesen und Amerikaner mit ihren Billionenprogrammen und Inkaufnahme explodierender Staatsverschuldung richtig liegen, es kann aber auch sein, dass Deutschland mit seinen zögerlichen Schritten klug reagiert - und es kann auch sein, dass weder das eine noch das andere sich am Ende als sinnvoll erweisen wird.

Würden die Gewählten aber zugeben, dass sie - wie der Rest der Welt - im Dunkeln tappen, würden sie das Gegenteil dessen bewirken, was psychologisch ratsam erscheint. Also eiern sie herum, kündigen Vages an und versichern zugleich, dass sie die Lage unter Kontrolle haben.

Es wird deshalb darauf hinauslaufen, dass sich jeder Einzelne seinen ganz persönlichen Reim auf das globale und nationale Wirtschaftsgeschehen und dessen Auswirkungen auf sein Leben machen müssen wird. Bürger-Business as usual also auch 2009.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/jja)