Von Dieter Degler

Der US-Präsident als Chefdiplomat: Nach ersten Erfolgen in Moskau und auf dem G-8-Gipfel trifft er in Rom auf den kalten Religionskrieger Benedikt XVI.

Kennen Sie die wunderbare Antwort des einstigen Außenminsters Hans-Dietrich Genscher auf die Frage, wohin er denn gerade fliegen wolle? "Egal, ich werde überall gebraucht."

Bild vergrößern

Barack Obama auf dem G-8-Gipfel in L'Aquila (mit im Bild: Gordon Brown, Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, v.l.n.r.): Der nächste Besuch steht beim Papst an. (© Foto: dpa)

Anzeige

Der kolportierte Spruch passt diese Woche perfekt zu Barack Obama: Montag und Dienstag in Moskau den Eisbrecher im amerikanisch-russischen Post-Bush-Verhältnis geben, Mittwoch und Donnerstag gemeinsam mit den G-8-Kollegen im italienischen L'Aquila an der Rettung von Weltklima und Weltwirtschaft arbeiten und dann, quasi als ethisch-mentaler Höhepunkt, am Freitag in Rom Disput mit dem CEO eines 2000 Jahre alten Vereins mit mehr als einer Milliarde Mitglieder, Benedikt, Nummer 16.

Wie ein unwiderstehlicher Weltreformer trat Obama in Moskau auf: Ansteckend optimistisch, lösungsorientiert und nach vorne gewandt. Und diesmal waren es nicht nur Worte, die ausgetauscht wurden: Neben einer messbaren Klimaverbesserung zwischen Russen und Amerikanern erreichte der US-Chefdiplomat eine Wiederaufnahme der START-Verhandlungen, womit er seinem Ziel einer atomwaffenfreien Welt einen ersten kleinen Schritt näher kam. Und dass das US-Militär künftig Soldaten und Waffen über russisches Hoheitsgebiet transportieren darf, das hätte Bush Junior nie hinbekommen.

Durchwachsener war schon sein G-8-Auftritt in L'Aquila, von dem allerdings auch nur hoffnungslose Optimisten Weltbewegendes erwartet hatten. Immerhin reichte es für eine Trendwende, der Zwei-Grad-Beschluss zur globalen Erwärmung markiert einen neuen Kurs der bislang stets blockierenden US-Regierung, auch wenn die Umsetzung in weiter Ferne liegt und wichtige Klimaferkel in Italien nicht vertreten waren.

Und die in L'Aquila verbreiteten Zuversichtssignale zur Bewältigung der Wirtschaftskrise - die Konjunktur werde kommendes Jahr wieder anziehen - wurden von den großen Börsen der Welt noch gleichen Tages als Zweckoptimismus bewertet: die Kurse stagnierten oder fielen.

Der aussichtsärmste Termin des US-Präsidenten dürfte sein Treffen an diesem Freitag im Vatikan sein. Zwar hatte Benedikt schon in seiner Glückwunschbotschaft zur Amtseinführung versprochen, er werde für Obama beten. Auch hat er versucht, sich etwas von Obamas Internet-Erfolgen abzuschauen, er wandelt durch Facebook und Youtube und hat gerade erst die (entsetzliche) Webseite www.pope2you.net gestartet.

Und der protestantische US-Politiker Obama hatte, als er noch Kandidat war, auf einem an der Jerusalemer Klagemauer niedergelegten Wunschzettel an die höchste Instanz notiert: "Mach mich zu einem Instrument Deines Willens." Auch herrscht zwischen katholischer Kirche und der amtierenden US-Regierung weitgehende Einigkeit in Fragen der Umwelt- und Friedenspolitik (Nahost), der Menschenrechte, der Freiheit und Demokratie. Doch das war's dann schon an Gemeinsamkeiten.

Eine große ethisch-moralische Lücke klafft zwischen den beiden Weltpolitikern, die ungleicher kaum sein könnten.

Auf der einen Seite der weltoffene Erneuerer mit dem jugendlichen Charme, der den verunsicherten Bürgern seines Landes mit großer Zuversicht und Tatkraft Perspektiven und Optionen aufzeigt. Der das verklemmt-verschwiemelte Moralgetue seines Vorgängers mit einem Lächeln vom Tisch gefegt hat, Schwangerschaftsabbrüche nicht kriminalisiert und Stammzellentherapie hilfreich findet. Und der Homosexuellen die gleichen Rechte zugesteht wie Heterosexuellen.

Auf der anderen Seite der reformfeindliche Greis mit den verkniffenen Lippen, der seine Gemeinschaft als letzter kalter Krieger des Katholizismus führt. Der nichteheliche - und vor allem gleichgeschlechtliche - Beziehungen verteufelt, Schwangerschaften für unabbrechbar hält und den Gebrauch von Kondomen als Ansteckungsschutz geißelt. Und der natürlich applaudierte, als Obamas Vorgänger als eine seiner letzten Amtshandlungen den Abtreibungsgegnern den 18. Januar als "Nationaltag für die Heiligkeit des menschlichen Lebens" schenkte.

Der Dialog mit dem klerikalen Hardliner aus Bayern wird in dieser Woche das vielleicht ernüchterndste Gespräch des Liberalen aus Chicago. Dass der Papst gegenüber Meinungen von US-Demokraten ungefähr so beweglich ist wie der schöne Petersdom, wird Obama schon im Vorfeld seines Antrittsbesuches von Kollegin Nancy Pelosi, der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, erfahren haben.

Deren Bitte um ein Einzelgespräch wies er brüsk ab und verkündete Pelosi in seiner routinemäßigen wöchentlichen Gruppenaudienz, sie habe gefälligst "das menschliche Leben in allen Phasen" zu schützen.

Mister Obama wird es leichter haben. Er wird auch im Vatikan gebraucht.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/jja/cag)