Von Dieter Degler

Russlands Präsident Medwedjew tritt aus dem Schatten Putins und will bei seinen Gesprächen in Berlin den Marktwert der Russland AG steigern.

In Russland nennen sie ihn "Liliputin" und "Kinderüberraschung", weil Dmitrij Medwedjew nur 1,62 Meter groß ist. Und auch deshalb machen sie Witze über den Mann, der 17 Jahre lang der Ziehsohn des einstigen Präsidenten war: Wladimir Putin zum Kellner: "Ich nehme Kotelett." Der Kellner: "Und die Beilage?" Putin mit Blick auf Medwedjew: "Die nimmt auch Kotelett."

Dimitri Medwedew

Seit wenigen Wochen Herr im Kreml: Dmitrij Medwedjew. (© Foto: dpa)

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Aber das war gestern, vor der Wahl des Mannes, der aussieht wie Zar Nikolaus II. ohne Bart. Doch schon heute ist klar, dass der Einserjurist aus Sankt Petersburg trotz seiner Jugend - mit 43 Jahren ist er jünger als Barack Obama -, seiner Vorliebe für Simpel-Rock von Deep Purple, seiner schick geschneiderten Anzüge und seines Faibles für westliche Popkultur kein Leichtgewicht ist.

Medwedjew, seit knapp einem Monat neuer Präsident Russlands, ist auf dem Weg zu einer neuen Größe im internationalen Reigen der Mächtigen. Deutschland, diese Woche sein erstes Besuchsziel im Westen, Europa und die Welt müssen sich auf einen intellektuellen Power-Politiker einrichten, der erkennbar über die Fähigkeiten verfügt, sein Land auf der globalen Bedeutungsskala weiter nach oben zu hieven.

Ambivalentes Bild

Wenn Angela Merkel ihn empfängt, sollte sie den Präsidenten mehr an Managern wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann oder dem ehemaligen General-Electric-CEO Jack Welch messen als an seinem Vorgänger Putin. Als Aufsichtsratschef von Schalke-04-Sponsor Gazprom steigerte Medwedjew die Marktkapitalisierung des Energiemultis in sechs Jahren von zehn Milliarden auf mehr als 350 Milliarden Dollar und machte es damit zum drittgrößten Unternehmen der Welt. Dass er nun den Ehrgeiz hat, auch den Wert der Russland AG durch Effizienzanhebung und politische Gewinnmaximierung zu steigern, darf angenommen werden.

Mit herkömmlichen Attributen wie fortschrittlich oder konservativ ist der Zivilrechtler mit der Senkrecht-Karriere kaum zu beschreiben. Zwar gilt er wegen seiner Sozialisierung ohne Geheimdiensthintergrund, wegen seiner Offenheit, seiner Fremdsprachen und einer westlichen Orientierung als liberal.

In Russland ist das Bild eher ambivalent: Demokratische Kräfte kreiden ihm beispielsweise an, dass er während der Orangefarbenen Revolution in der Ukraine den prorussischen Kandidaten unterstützt hat. Als Chef der Präsidialadministration habe Medwedjew zudem reaktionäre Gesetze auf den Weg gebracht, welche die Bürgerrechte, die Versammlungsfreiheit und die Tätigkeit von Parteien beschnitten.

Und der Politologe und Präsident der Stiftung Politika, Wjatscheslaw Nikonow, schrieb kürzlich in der Iswestija: Mit seiner "Prinzipientreue zum freien Markt, zur Demokratie, zur Macht des Staates, zur Souveränität und den Traditionen" sei die Doktrin Medwedjew "konservativ - und das ist eine exzellente Sache".

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