Von Dieter Degler

Die Kolonialzeiten sind vorbei. Aber für den Hunger in der Dritten Welt tragen auch die Industrienationen Verantwortung.

Was Hunger ist, weiß in Deutschland zum Glück kaum noch jemand. Vielleicht erinnern sich die heute Achtzigjährigen noch daran, für uns andere hat sich der Gehalt des Begriffs gewandelt. Wenn wir "Hunger" sagen, meinen wir fast immer "Appetit". Dann naschen wir ein paar aus Afrika importierte Erdbeeren oder einen Schokoriegel mit südamerikanischem Kakao oder fahren kurz zu McDonald's oder ins Edelrestaurant.

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Zwei Reisfarmer in Bangladesch. (© Foto: AFP)

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In anderen Teilen der Welt gibt es Hunger, den echten. Das war schon immer so, und dann gingen, wie nun auch, die Welthungerhilfe und andere karitative Organisationen mit der Spendenbüchse umher. Aber jetzt, da wir aus wirtschaftlichen Gründen (weniger Abhängigkeit von unsicheren Ölimporten) und aus ökologischen Erwägungen (geringere Emissionen) über den Einsatz von mehr Biosprit diskutieren und sich die Welt-Nahrungsmittelpreise in gerade mal zwei Jahren fast verdoppelt haben, wird der Hunger mit Bildern aus Haiti, Ägypten und Bangladesch wieder sichtbar.

Dass es einen Zusammenhang zwischen dem Hunger unserer Autos und dem Hunger in den einstmals Dritte Welt genannten Gebieten des Planeten gibt, ist wohl wahr. Doch das größere Bild ergibt sich nur aus der Kombination eines ganzen Bündels von Ursachen - und einige davon haben mit uns Industriestaatlern zu tun.

Die acht Gründe der Nahrungskrise

Faktor eins - die Ernährung: In Ländern wie China und Indien, bis vor kurzem überwiegend von Vegetariern bewohnt, ändern sich mit wachsendem Wohlstand die Ernährungsgewohnheiten. Steaks statt Mais, Hühnchen statt Reis. Ganze Bevölkerungsteile wechseln zu Fleisch, dem Nahrungsmittel mit dem höchsten Naturverbrauch.

Faktor zwei - der Aufschwung: Das Streben nach wirtschaftlichem Wachstum in kleinen und großen Schwellenländern fördert eine weitere für die Welternährung ungünstige Komponente. Auf dem Weg zu Industrienationen werden einstmalige Agrarstaaten immer stärker bebaut und die Böden versiegelt. Das führt zur Reduzierung von Anbauflächen.

Faktor drei - der Energiehunger. In den Vereinigten Staaten werden bereits heute fast sechs Prozent der Anbaufläche mit Energiegetreide bepflanzt. Bis 2017 will die Regierung den Anteil der Biokraftstoffe auf 20 Prozent versechsfachen, die EU will ihn bis 2020 auf zehn Prozent steigern. Allein um diesen Nachfragezuwachs zu decken, müsste die Agrarproduktion jährlich etwa um drei Prozent steigen. Schon jetzt werden in Brasilien, Mexiko und anderswo statt Getreide Zuckerrohr, Mais und Palmen für Biosprit angebaut.

Faktor vier - der Energie-Irrtum: Um Biotreibstoffe herzustellen, müssen etwa 80 Prozent der Energie, die schließlich gewonnen werden, zuvor aus fossiler Energie eingesetzt werden.

Faktor fünf - das Geschäft: Nahrungsmittel sind ein globales Business geworden. An den Rohstoffbörsen dieser Welt, Chicago vorneweg, spekulieren Händler und Banker auf steigende Preise und versuchen dort jenes Geld zu retten, das sie in der letzten Blase der Finanzsysteme verloren haben.

Faktor sechs - die Wirtschaftspolitik: Sie spielt tendenziell den Interessen internationaler Multis, welche die Getreidemärkte der Welt steuern und kontrollieren, in die Hände. So haben Weltbank, die Welthandelsorganisation WTO und der Internationale Währungsfonds in den letzten Jahren sämtliche Pufferungsfaktoren, die bei früheren Preisschüben noch zwischen Marktentwicklung und leeren Bäuchen halfen, sukzessive abgeschafft.

Faktor sieben - die Bevölkerungsexplosion: Sie schreitet nur wenig gedämpft fort. Die Weltbevölkerung (6,5 Milliarden Menschen) wächst noch immer um gut ein Prozent jährlich, nach UN-Schätzungen um bis zu 75 Millionen Menschen. Allein daraus ergibt sich bis 2030 ein um 25 Prozent steigender Bedarf an Lebensmitteln.

Faktor acht - Wetter und Klima: Hungersnöte treten regelmäßig nach Jahren mit Missernten auf, die durch ungünstige Wetterlagen ausgelöst werden. Es gibt Indizien dafür, dass der Klimamissbrauch der Industrienationen einen Teil der Verantwortung dafür trägt.

Wie diese Hungergründe untereinander und mit ungezählten weiteren Faktoren interagieren, weiß mutmaßlich niemand. Und als sicher kann nur gelten, dass der Kampf dagegen vor allem dort geführt werden muss, wo es Hunger gibt.

Sicher ist aber ebenso, dass auch wir etwas dagegen tun können, ohne alle Vegetarier zu werden. Nur ein Beispiel: Statt Biosprit mit seinen fragwürdigen Effekten auf das Klima zu subventionieren, könnten Brüssel und Berlin das Stromsparen stärker fördern. Oder aber Automobile, die entscheidend weniger Benzin verbrauchen als bisher. Die Technik dafür ist längst entwickelt.

Und: Deutschland sollte an der radikalen Landwirtschaftsreform mitwirken, die der Weltagrarrat diese Woche so dringend gefordert hat.

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(sueddeutsche.de/jja/bavo)