Die von der "Aktion Mensch" gestartete Bürgerdiskussion belegt gleichermaßen Hoffnungen wie Ängste.
(SZ vom 25.09.2003) - Das dicke Buch hat einen schlichten, dunkelblauen Leineneinband, mit einem großen Fragezeichen darauf. Das Fragezeichen gehört zum Titel: "Was wollen wir, wenn alles möglich ist?"
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8500 Fragen von Bürgern zur Bioethik enthält der Band, den die "Aktion Mensch" am Mittwoch an Prominente verteilte, an Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, an den Vorsitzenden des Nationalen Ethikrats, Spiro Simitis, oder an den Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ernst-Ludwig Winnacker.
Berlin, eine Stadt der "1000 Fragen"
Eine Woche lang hatte die "Aktion Mensch" Berlin in eine Stadt der "1000 Fragen" verwandelt und mit Plakaten, Vorträgen, Filmen, Veranstaltungen eine gigantische Werbeaktion arrangiert - für noch mehr Fragen zur Bioethik von noch mehr Bürgern.
Vor einem Jahr hat die "Aktion Mensch" die bisher größte Bürgerdiskussion zum Thema Bioethik gestartet. Forum ist das Internet, unter der Adresse www.1000fragen.de. Begonnen hat die Sozialorganisation ihr Projekt mit einer Frage: Wie kann man breite Kreise der Bevölkerung in die bioethische Debatte einbeziehen und vor allem behinderten Menschen Gehör verschaffen?
Ein gesellschaftlicher Diskurs über die Bioethik wird zwar von Politikern und Ethikern gefordert, es existieren sogar Forschungsprojekte, wie man dies machen könnte. Doch nur eine einzige Bürgerkonferenz mit gerade einmal 19 Teilnehmern wurde verwirklicht.
Vom Alltag abgekoppelt
Die Idee, die Bürger einfach fragen zu lassen, hatte Heike Zirden von der "Aktion Mensch". "Fragen signalisieren Offenheit", sagt sie, "sie machen es leichter, sich zu beteiligen, weil man keine Position beziehen muss." Die Resonanz übertraf alle Erwartungen: Seit Oktober klickten 500000 Menschen die Internetseite an, mehr als 8500 Fragen wurden gestellt, manche mit Namen - auch prominenten - manche anonym, und alle Fragen sind in dem 900-Seiten-Buch (Deutsche Verlags-Anstalt) erschienen.
35000 Kommentare wurden im Internet abgegeben, zu manchen Fragen mehr als 100. Die Frage Nummer 394 "Was ist der Sinn des Lebens?" forderte bisher 334 Internetbesucher zu einer Reaktion heraus. Der jüngste Kommentar lautet: "Diese Frage erscheint wie eine antiproportionale mathematische Gleichung: Je intensiver wir uns diese Frage stellen, desto weiter entfernt sie ihre Antwort!"
Die Teilnehmer, die sich im Internet einklicken, sind zwar nicht repräsentativ für die Bevölkerung, ihr Durchschnittsalter beträgt 26 Jahre. Dennoch beweist das Projekt: Das Bedürfnis, über Bioethik zu diskutieren und mehr Informationen zu erhalten, ist immens.
"Werden Eltern behinderter Kinder eines Tages bestraft?"
Denn viele Teilnehmer verspüren da ein großes Defizit. Die ethischen Debatten, sagt Heike Zirden, hätten sich vom Alltagswissen der meisten Menschen so weit abgekoppelt, dass die Diskussion kaum geführt werden könne.
Die Gentechnik weckt bei vielen Menschen utopische Erwartungen, aber auch eine fast irrationale Angst. "Werden Eltern behinderter Kinder eines Tages bestraft?", heißt es zum Thema Gentests an Embryonen. "Heißt das, dass jede Behinderung eines Menschen nun noch mehr niederschmetternde Blicke auslösen wird, die da signalisieren, warum haben dich deine Eltern nicht verhindert?"
"Bekommen wir dann auch auf unsere Kinder eine Garantie und ein Haltbarkeitsdatum?" "Wird bei der Verbesserung des Embryos unterschieden zwischen Standard- und Luxusversion?" "Ist es zu verantworten, solches (behindertes) Leben in die Welt zu setzen, obwohl man es hätte voraussagen können?"
"Jede Geburt ein Volltreffer!" ´
Viele Menschen denken, dass mit der Gentechnik alles machbar wird und sie sind davon fasziniert. "Kann man bald auch ein gewünschtes Verhalten züchten?" "Was ist so furchtbar an einem hübschen, gesunden, intelligenten Menschen? Darf man ihn aus ethischen Gründen verbieten?""Für wen ist ein menschliches Ohr auf einer harmlosen Maus schlimm?"
Andere fragen, auch voller Furcht, nach Individualität, Identität und der Seele des Menschen, nach Gott und der Schöpfung, sie erkundigen sich sogar beunruhigt, ob man Schweine, denen menschliche Gene eingepflanzt wurden, noch essen dürfe: "Jede Geburt ein Volltreffer! Schön, schlau und kerngesund. Was passiert mit den Nieten?"
"Welche Individualität hat der Mensch noch, wenn er geklont wird?" "Kann ich meine Identität patentieren lassen?" "Besteht die Welt bald nur noch aus Frauen bzw. Männern?" "Hätten geklonte Menschen eine eigene Seele?"
Buch und Internetseite müssten Pflichtlektüre sein
Den Heilungsversprechen der Wissenschaft wird geglaubt: Leid, Krankheit und Behinderung zu vermeiden, rechtfertigt in den Augen mancher Fragesteller nahezu alles. "Wie viele Menschen müssen noch an Erbkrankheiten sterben, bevor wir begreifen, dass Gentechnik auch Heilung ist?"
"Darf man den Fortschritt ablehnen, weil es die Gefahr des Missbrauchs gibt?" "Ist es nicht an der Zeit, den hippokratischen Eid umzuformulieren, um klare Grenzen abzustecken?" "Wenn man mit einem Leben tausend andere retten könnte, kann man dieses eine Leben dafür opfern?" "Ich habe Krebs. Ist es unmoralisch, wenn ich auf neue Medikamente warte, auch wenn sie mit ethisch umstrittenen Methoden entwickelt werden?"
Buch und Internetseite müssten für Politiker, Ethiker und Wissenschaftler Pflichtlektüre sein. Jede Frage macht deutlich, wo Aufklärung fehlt, Hemmschwellen verschwinden, berechtigte Kritik und Sorge die Gedanken beherrschen, etwa bei den Themen Embryonenforschung und Genpatente. "Wer darf darüber entscheiden, was ethisch ist und was nicht?"
Unter den Teilnehmern: viele Behinderte, die fragen
"Wer kontrolliert die Forscher?" "Wird der Mensch zur Ware?" "Sieht uns die Forschung als Mensch oder nur als Objekt?" "Macht uns die Genforschung zu besseren Menschen?""Wird der Mensch zum Ersatzteillager herabgestuft."
"Werden uns unsere Kinder in 20 Jahren fragen, was wir gegen die medizinische Instrumentalisierung des menschlichen Lebens getan haben?" "Muss mein Kind sterben, damit mein Vater überleben kann?" "Kann ich meine Gene patentieren lassen, bevor es die Pharmaindustrie tut?"
Gedacht ist das Projekt der 1000 Fragen vor allem auch für jene Menschen, um die sich die "Aktion Mensch" kümmert: für Behinderte. Und unter den Teilnehmern sind viele Behinderte, die nach ihrem Leben fragen, danach, wo eigentlich die Grenze gezogen wird zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. Bei Brillenträgern vielleicht?
"Defekte Gene - selber schuld?"
"Warum legen Gynäkologen und Hausärzte werdenden Eltern behinderter Kinder die Abtreibung nahe, während man die Abtreibung nichtbehinderter Föten unter allen Umständen zu verhindern sucht?" "Wer entscheidet über lebenswertes und lebensunwertes Leben?"
"Defekte Gene - selber schuld?""Wer hat eigentlich beschlossen, dass ein Mensch mit Down-Syndrom kein lebenswertes Leben hat?" "Kann sich keiner vorstellen, dass man auch mit Behinderung glücklich sein kann?"
"Wird mich mein Kind verklagen können, weil ich es nicht vor seiner Geburt getötet habe?" "Wie lange sind die Krankenkassen denn noch bereit, bei festgestelltem Behinderungsrisiko die Folgekosten zu tragen?"
Das Denken verändert sich
Die Gendebatte und die Diskussion über die Kosten im Gesundheitswesen scheint das Denken zu verändern, und zwar in eine erschreckende Richtung. Heike Zirden spricht von vielen sozialdarwinistischen Argumentationsmustern, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts Konjunktur hatten.
"Wird die Menschheit nicht immer schwächer, wenn immer mehr kranke und schwache Menschen überleben?" Die Mehrzahl der überwiegend jungen Teilnehmer spricht sich für die aktive Sterbehilfe aus, ohne über die Gefahren nachzudenken, teils aus Angst vor einer Apparatemedizin, teils aber auch aus Kostengründen.
"Unsere Krankenversicherungen sind pleite, aber wieso wird denn ein Mensch so lange künstlich am Leben gehalten?" "Was spricht gegen eine Sterbepflicht mit achtzig?" "Ist es gesellschaftlich relevant, einen Menschen zu entfernen, der den anderen zur Last fällt?" Und ein Teilnehmer antwortet schockiert mit einer Gegenfrage: "Ich bin schizophren. Werde ich jetzt bald getötet?"
"Die Fragen sollen nie enden"
Fragen verlangen Antworten und die Antworten werden das nächste Projekt der "Aktion Mensch" im kommenden Jahr sein. Im Internet, in Foren und Veranstaltungen soll nach Antworten gesucht werden, auf die 8500 Fragen im Buch und auf die vielen, die nach wie vor jeden Tag im Internet gestellt werden.
Und Heike Zirden hofft, dass dies so bleibt. "Die Fragen sollen nie enden." Das wichtigste Ziel allerdings hat die Aktion Mensch schon jetzt erreicht: Diese Bürgerdiskussion zur Bioethik kann und wird wohl niemand mehr ignorieren.
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