Von Gerd Kröncke

Tausende Menschen sind durch Streubomben getötet oder verletzt worden - Sladjan Vuckovic ist einer von ihnen. Der Minenräumer verlor beide Arme und ein Bein.

"Ich heiße Sladjan Vuckovic. Ich bin ein Opfer von Streubomben." So fängt die Geschichte an, und Sladjan Vuckovic beginnt immer mit diesen Worten. Man reicht ihm die Hand, wie man es gewohnt ist, aber die Hand, die er entgegenstreckt, ist steif und nicht seine eigene.

Auf diese Weise entschärfte auch Sladjan Vuckovic Streumunition. Ein Minenräumer beim Einsatz im Libanon. (© Foto: AP)

Anzeige

So wenig wie seine linke Hand. Sladjan Vuckovic hat seine bittere Phase lange hinter sich, er erzählt seine Geschichte mit einer gewissen Nüchternheit. Ohne seine Frau, sagt er, hätte er es nicht geschafft - ohne seine beiden Hände, mit einer Beinprothese, taub auf dem linken Ohr - , wieder ein halbwegs normales Leben zu führen.

Als Minenräumer hatte er bei der jugoslawischen Armee gedient. Er wusste immer, dass es eine gefährliche Arbeit war, aber sie musste gemacht werden. Seiner Frau gegenüber war er vage geblieben, sie sollte sich nicht zu sehr sorgen. Da wo er herkommt, sind im Krieg viele Menschen verwundet und getötet worden. "Ich sage viele Menschen, denn man hat sie nie gezählt", sagt Vuckovic.

Er kann ein Glas halten, um einen Schluck Wasser zu trinken, wenn ihm nach langem Reden die Kehle trocken geworden ist. Aber viel mehr kann Vuckovic mit seinen beiden steifen künstlichen Händen nicht mehr machen. Das Schwerste für ihn ist, immer auf Hilfe angewiesen zu sein.

Sogar Kinder im Einsatz

Es geschah am 25. April 1999. Der Unteroffizier Vuckovic arbeitete an diesem Tag wie in den Wochen zuvor im Kopaonik-Nationalpark. Am 24. März hatten sie begonnen, das Territorium von Streubomben zu säubern. Es sind die Daten, die er nicht vergisst. Der Unfall, wie er es nennt, passierte bei der 107. Streubombe, die er an diesem Tag entschärfen sollte. Es war die letzte.

Meist hatte Vuckovic einen Assistenten dabei, aber an jenem Sonntag arbeitete er allein. Es war eine Streubombe vom Typ BLU 97, sie war gelb. Er hatte sie nicht einmal berührt, als sie explodierte. Sie ging hoch, als er sich näherte, dabei war er so vorsichtig aufgetreten, wie es ihm zur zweiten Natur geworden war.

Sladjan Vuckovic kommt auf die vielen Opfer zu sprechen. Er war ein Profi, der wusste, worauf er sich einließ. Die meisten Minensucher sind aber keine Soldaten. Oft sind es sogar Kinder. "Unschuldige Kinder", sagt Vuckovic, "die wirklich niemandem etwas getan haben."

Er erinnert sich an ein bestimmtes Kind, das blutüberströmt in einem Auto saß. Es hatte ein Spielzeug bei sich. Er weiß nicht mehr, ob es eine Puppe war, jedenfalls war das Spielzeug ebenfalls blutig. Und unter dem Sitz lag eine Milchflasche. Diese Szene sei ihm eingefallen, sagt er, als er zum Hospital gebracht wurde. Er ist danach in vielen Hospitälern gewesen. Er glaube nicht, sagt Vuckovic, dass die Menschen "im Westen" sich klarmachten, wie groß dieses Problem mit den Streubomben sei.

Bei seinem Unfall hatte er sogar noch Glück gehabt, die Wirkung der Streubombe war von einem Felsbrocken gemildert worden. Vuckovic hatte auch das Glück, dass er an jenem Tag ein Gewehr vor dem Körper trug, das die meisten Splitter auffing. Sonst wäre sein Herz getroffen worden. Aber er hat nun keine Hand mehr, ein Bein musste zur Hälfte amputiert werden, er hört schlecht, die Narben im Gesicht werden durch seinen Bart verdeckt.

Anfangs wollte er sterben

Er hat eine Medaille bekommen und nein, er bereut nicht, dass er als Minenräumer gearbeitet hat. "Wenn es nur ein Leben wäre, das ich gerettet hätte", sagt er, "dann hätte es sich schon gelohnt." Er weiß, dass er viele Leben gerettet hat.

Als er im Krankenhaus lag und sah, dass ihm seine rechte Hand fehlte, da ist er schier verzweifelt und hat erst gar nicht wahrgenommen, dass auch die andere Hand nicht mehr da war. Anfangs wollte er sterben. Und man ahnt, das es seine Frau Dušica war, die ihn zum Leben bekehrte. Sie erinnert sich, wie drei Offiziere vor der Tür standen, und sie befürchtete das Allerschlimmste, denn drei kommen, wenn ein Tod zu melden ist.

Als Sladjan später im Hospital sagte, er werde künftig keine Arme mehr haben, sagte sie, ihre Arme seien für ihn da. Sie hatten jung geheiratet und waren noch immer jung. Sladjan Vuckovic war 33 Jahre alt, als er verletzt wurde, sein Sohn war damals erst fünf, die Tochter schon zwölf. Der Sohn konnte die Situation am wenigsten begreifen. Heute ist er stolz auf seinen Vater.

Es sind die einfachsten Dinge, die das Leben kompliziert machen. Eine Tür zu öffnen zum Beispiel, ist schwer, sie abzuschließen unmöglich. Er dauerte lange, sich daran zu gewöhnen, aber er hat sich dreingeschickt. Man ist für immer auf Hilfe angewiesen. Zum Abschied gaben wir Sladjan Vuckovic die Hand, warum auch nicht.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 19.05.2008)