Debatte um Sterbehilfe Die große Unehrlichkeit

Eine Therapeutin im Hospiz St. Martin in Stuttgart mit einer todkranken Bewohnerin.

(Foto: dpa)

Wer gegen aktive Sterbehilfe ist, muss das Leid am Lebensende lindern. Sterbende Menschen haben ein recht auf eine bestmögliche Lebensqualität. Die Bundespolitik stellt nur die Weichen - die Umsetzung muss vor Ort erfolgen.

Von Alois Glück

Die Debatte über ein Verbot der organisierten Suizidbeihilfe tritt in ihre entscheidende Phase; nun liegen die verschiedenen Ansätze von Abgeordneten des Deutschen Bundestags vor. Ich trete für ein strafrechtlich bewehrtes Verbot jeder Form der organisierten Beihilfe zur Selbsttötung ein. Damit will ich nicht mündige Bürger bevormundet sehen.

Christen müssen das Recht auf Selbstbestimmung hoch achten. Dieses Recht ist aber nur durch ein Verbot der organisierten Suizidbeihilfe gegen die Fremdbestimmung durch den gesellschaftlichen Erwartungsdruck zu schützen. Wenn entsprechende Angebote einmal etabliert sind, wird zunehmend von schwerstkranken und sterbenden Menschen erwartet werden, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen. Daher ist gerade zum Schutz eines qualifizierten Selbstbestimmungsrechts dieses Verbot dringend nötig.

Es gibt für viele Situationen und Konstellationen am Ende des Lebens längst wirksame Handlungsmöglichkeiten, zum Beispiel die Patientenverfügung und die Vorsorgevollmacht. Mit ihnen können schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen vielen Sorgen und Ängsten begegnen, zum Beispiel der Befürchtung, am Lebensende der Apparatemedizin ausgeliefert zu sein.

"Wir brauchen eine Kultur der Wertschätzung gegenüber Sterbenden. Die aber kostet Geld", so Alois Glück.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Allerdings werden diese Instrumente oft nur unzulänglich eingesetzt oder berücksichtigt. Das gilt vor allem für das wichtigste dieser Instrumente, für die moderne Palliativmedizin. Sie kann, wenn sie richtig ausgebaut ist, schwerkranken Menschen Leiden ersparen und die Angst vor einer unerträglichen letzten Wegstrecke des Lebens nehmen.

Richtungsentscheidung für unsere Gesellschaft

Wenn die Möglichkeiten der Palliativmedizin ausgeschöpft werden, gibt es auch keine zwingenden Gründe für die rechtliche Absicherung des assistierten Suizids durch Ärzte. Nach den Erfahrungen vieler Palliativmediziner können körperliche Schmerzen sehr wirksam bekämpft werden. Alle anderen Motive für einen Suizid dürfen nicht Maßstab für eine Beihilfe werden, da ansonsten eine allseits gewollte Abgrenzung zu psychischen Erkrankungen nicht mehr möglich ist.

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Das Problem, ist allerdings: Die Palliativmedizin ist noch nicht so ausgebaut, wie sie ausgebaut sein könnte, sein müsste. Immer noch leiden viele schwer kranke und sterbende Menschen Schmerzen, die sie nicht erleiden müssten. Immer noch kennen viele Ärzte die Methoden der Schmerzvermeidung nicht oder scheuen sich, sie anzuwenden. So lange das so ist, haben die Argumente für ein Verbot des assistierten Suizids eine Schwäche: Sie verweisen auf eine Alternative, doch die gibt es noch in unzureichendem Maß.

Die Debatte der vergangenen Monate hat gezeigt, dass es um mehr als medizinische und pflegerische Maßnahmen und rechtliche Normen geht. Es geht um eine Richtungsentscheidung für unsere Gesellschaft. Es geht um die Solidarität mit schwerkranken und sterbenden Menschen.

Zur Person

Alois Glück, 74, ist Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Der CSU-Politiker und ehemalige Präsident des Bayerischen Landtags engagiert sich zudem in der Hospizbewegung.